Oktober 1531 - März 1532

hrg. v. Berndt Hamm, Reinhold Friedrich und Wolfgang Simon

Leiden/Boston 2008
(Studies in Medieval and Reformation Traditions 136)

 

Nach der regen Reisetätigkeit im Sommer 1531 verbringt Bucer die folgenden Monate bis März 1532 ausschließlich in Straßburg. Von dort aus nimmt er aber auch die Geschehnisse jenseits der Reichsgrenzen in den Blick. So gilt seine Sorge einmal den Protestanten in der Schweiz, die im Zweiten Kappeler Krieg eine militärische Niederlage gegen die altgläubigen Fünf Orte erleiden und ihre beiden Protagonisten Huldrych Zwingli und Johannes Oekolampad verlieren. Zudem wird in den Friedensverträgen mit den Altgläubigen das „Christliche Burgrecht“, das Bündnis zwischen den oberdeutschen protestantischen Städten, aufgelöst. Daneben beschäftigt Bucer weiterhin die Eheangelegenheit König Heinrichs VIII. von England. Die im vorausgehenden Band heftig geführte Sachdiskussion ist nun beendet, und Bucer verfasst mit den Straßburger Predigern sein Abschlussgutachten.

Im Zentrum der Reichspolitik steht die Vorbereitung des Regensburger Reichstages. Die Parteien versuchen, sich eine möglichst günstige Ausgangsposition zu verschaffen. Bucer erwägt die Chancen eines politischen Zusammenschlusses der Protestanten gegen Kaiser und Altgläubige und beobachtet die diplomatischen Bemühungen der vom Kaiser beauftragten Vermittler.

Auf der Ebene der städtischen Religionspolitik verfolgt Bucer die konkreten Entwicklungen in Augsburg, Esslingen, Kempten, Ulm, Reutlingen, Heilbronn, Zweibrücken und Memmingen, zumal sein Freund und Kollege Wolfgang Capito einige dieser Städte gerade bereist. In Straßburg beschäftigt Bucer Persönliches wie die Hochzeit seines Helfers Konrad Hubert, die psychische und theologische Verfassung Wolfgang Capitos nach dem Tod seiner Frau Agnes und die Ankunft Jakob Zieglers. Stadtpolitisch ist Bucer an den letztlich gescheiterten Berufungen Johannes Aventins oder Euricius Cordus’ beteiligt, und er setzt sich für ein strengeres Vorgehen gegen den Besuch altgläubiger Messen außerhalb der Stadt ein.

Der bedeutsamste Beitrag dieser Korrespondenz dürfte aber in der Profilierung der theologisch–religionspolitischen Position Bucers liegen. Sein Briefwechsel dokumentiert eine scharfe Grenzziehung zu den zahlreichen Dissenters in Straßburg, insbesondere zu Pilgram Marbeck, aber auch zu Kaspar von Schwenckfeld, Michael Servet, Johann Campanus und Hans Denck. Einvernehmen sucht Bucer hingegen mit Erasmus von Rotterdam, freilich erfolglos. Mit Simon Grynaeus diskutiert Bucer die Anwendung des Kirchenbannes und mit Ambrosius Blarer die chancenreichste Strategie für eine Abendmahlskonkordie.

Die bereits im vorausgehenden Band dokumentierte Intensivierung der Freundschaft Bucers zu Ambrosius Blarer in Esslingen und zu Simon Grynaeus in Basel setzt sich damit fort; auf beide Personen zusammen entfällt beinahe die Hälfte aller Schreiben. Demgegenüber tritt Bucers Augsburger Korrespondenz zurück, wenngleich er dort die meisten seiner Briefpartner hat. Während im Zentrum dieses Kommunikationsstranges der Streit zwischen Lutheranern und Zwinglianern steht, geht es im Briefwechsel mit Johann Schwebel vor allem um den undiplomatischen Reformeifer des nach Zweibrücken vermittelten Georg Pistor und um dessen Sympathien für die Täufer. Die Ulmer Konrad Sam und Martin Frecht beklagen das Nachlassen der reformatorischen Impulse, die Bucers Aufenthalt der Stadt gab. Bucer warnt seine Freundin Margarethe Blarer in Konstanz erneut vor Pilgram Marbeck und deutet ihr die religionspolitische Entwicklung in der Schweiz. An persönlichen Themen begegnen in diesem Briefwechsel die Heirat Konrad Huberts mit Margarethes Bekannter Margaretha und die Wiederverheiratung Wolfgang Capitos. Unter den Einzelkontakten verdienen vor allem diejenigen Korrespondenten Beachtung, die innerhalb der Gesamtkorrespondenz Bucers nur in diesem Band vertreten sind: Nikolaus Meyer aus Marburg mit seinem Stellengesuch für Euricius Cordus, Johannes Pinicianus aus Augsburg mit seinem Lobgedicht auf Bucer sowie Johannes Reuss aus Beerfelden mit seiner Bitte, ihm eine neue Stelle zu vermitteln; ferner Anna Zwingli in Zürich, der Bucer Trost zum Tod ihres Mannes spendet, und Georg Schenk von Erbach, den Bucer auffordert, das Buch des Johannes Campanus in Hagenau nicht drucken zu lassen. Eine genauere geographisch-thematische Ordnung der Korrespondenz ergibt dann folgendes Bild:

 

1. Internationale Beziehungen

 

1.1 Die Niederlage der Protestanten in der Schweiz

Bucer erfährt von den Niederlagen der Protestanten am Gubel (23./24. Oktober 1531) und am Zürichsee (6./7. November). Befürchtungen, der Krieg greife auf das Reichsgebiet über und Philipp von Hessen (Nr. 505) oder Straßburg (Nr. 503f.) würden attackiert, bewahrheiten sich nicht. Bucer schildert dem Landgrafen die Lage in der Schweiz und erhält von ihm einen persönlichen Dankesbrief, den der Straßburger für Vertraute kopiert (Nr. 544, 548, 551, 555). Bei seiner Beurteilung des Krieges übt Bucer Selbstkritik: Die Fünf Orte provozierten zwar, aber die Protestanten griffen aus Übermut allzu schnell zu den Waffen (Nr. 506, 519). Unrecht ist zu erdulden, wenn ein ausdrücklich anders lautender Befehl Gottes fehlt. Jetzt ist Zusammenhalt wichtig (Nr. 505). Theologisch deutet Bucer die Niederlage als Ruf zu Umkehr und Reinigung (Nr. 505, 510), ist sie doch den Sünden geschuldet (Nr. 506). Gott warnt mit ihr vor einer Verwechslung von irdischem Reich und Himmelreich (Nr. 510); wahre Hilfe ist nur vom Himmel zu erwarten (Nr. 511). Für Ambrosius Blarer resultiert der Sieg der Altgläubigen aus dem allzu weltlich ausgerichteten Christentum der schweizerischen Protestanten (Nr. 512), für Simon Grynaeus aus deren mangelndem Gottvertrauen und dem unaufrichtigen Umgang miteinander (Nr. 522). Bucer verfolgt den Prozess der Friedensverhandlungen (Nr. 506, 510). Besondere Sorge bereitet ihm die drohende Rekatholisierung der bislang von beiden Konfessionsparteien gemeinsam verwalteten Gemeinen Herrschaften (Nr. 506, 510), wie etwa des Thurgau (Nr. 523), und die Aufkündigung des Christlichen Burgrechts (Nr. 510, 515), dem auch Straßburg beigetreten war. In einem nicht ermittelten Brief wirft er den Zürchern vor, sie hätten mit ihrer Unterschrift unter den Friedensvertrag Gott und ihre Verbündeten verraten; Heinrich Bullinger versucht, diesen Vorwurf zu entkräften (Nr. 550).

Zürich und Zwinglis Tod

Bucer äußert seine Kritik an Zwinglis Kriegspolitik gegenüber Blarer (Nr. 506) und Heinrich Bullinger (vgl. Nr. 550). Auch ein Geistlicher darf auf Gottes Geheiß zu den Waffen greifen, doch Zwingli trotzte seinen Leuten den Krieg geradezu ab. Das Evangelium aber siegt im Kreuz, und die Erlösung Israels ist nicht durch Waffengewalt zu beschleunigen. Melanchthons Würdigung Zwinglis (Nr. 502) begrüßt Bucer (Nr. 524). Er selbst schreibt einen Trostbrief nach Ulm (vgl. Nr. 508) und bietet Zwinglis Witwe Anna seine Hilfe an (Nr. 514). Neben einigen Altgläubigen triumphieren auch Anhänger Luthers über Zwinglis Tod (Nr. 540); Luther selbst versteht ihn als Ausdruck des Zornes Gottes (Nr. 568).

Den vom Zürcher Gesandten Hans Edlibach beteuerten Kampfesmut der Zürcher schätzt Bucer gering ein (Nr. 507, 510) und sieht sich vom Ausgang des Krieges bestätigt (Nr. 515). Entgegen ersten Befürchtungen Leo Juds (Nr. 515) bleibt aber auch nach der Niederlage und den anschließenden Ratswahlen Zürich von einer Rekatholisierung verschont, nicht zuletzt dank der Berufung Heinrich Bullingers. Er sucht die Politik der Stadt gegenüber Bucer zu rechtfertigen und hebt die Langmut Zwinglis hervor (Nr. 550).

 

Basel und Oekolampads Tod

Von Simon Grynaeus bereits über Oekolampads Krankheitssymptome unterrichtet (Nr. 504) und von Martin Frecht um Fürbitte für den Kranken gebeten (Nr. 517), benachrichtigt Bucer Ambrosius Blarer schließlich vom Tod des Freundes (Nr. 515). Beide würdigen den Verstorbenen und beklagen die religionspolitischen Folgen dieses Verlusts (Nr. 512, 523). Im Blick auf den Zweiten Kappeler Krieg kritisiert Bucer die Informationspolitik Basels (Nr. 506) und prophezeit einen schändlichen Frieden (Nr. 507). Die Beteuerungen des Gesandten Anton Schmidt, Basel bleibe standhaft (Nr. 510), straft die Entwicklung Lügen (Nr. 515). Konrad Hubert erhält bei seinem Aufenthalt die von Bucer gewünschten Akten der Basler Synode (Nr. 542, 545, 549). Die Gemeinde diskutiert darüber, inwiefern Mehrheitsentscheidungen wie die Einführung der Reformation für alle bindend sind (Nr. 549) und ob gegen diejenigen, die nicht am reformiert gefeierten Abendmahl teilnehmen wollen, der Bann verhängt werden soll (Nr. 560, 563). Hier stehen Markus Bertschi und Leo Jud gegen Paul Phrygio und Simon Grynaeus. Letztere lehnen jeden Gewissenszwang ab und bitten Bucer um Rat. Er antwortet (Nr. 569): Nicht der Bann, sondern die Ermahnung ist das Hauptinstrument der Kirchenzucht. Gegen Lästerung des Gotteswortes und gegen Irrlehre soll die Obrigkeit vorgehen. Jeder, der das Wort nicht offen verachtet, kann sich aber auf sein Gewissen berufen und soll nicht zur Abendmahlsteilnahme gezwungen werden.

 

Bern und der Fall Megander

Bucer erscheint die Kriegspolitik Berns als zaghaft (Nr. 507). Der dortige Reformator Berchtold Haller berichtet ihm von den Invektiven seines Kollegen Kaspar Megander gegen den Berner Rat, nachdem dieser die Lebensmittelsperre gegen die Altgläubigen aufgehoben hatte. Dies brachte Megander ein Predigtverbot ein (Nr. 543). Capitos großer Erfolg in Bern: Er predigte, leitete die Synode, prüfte die Pfarrer und legte den Fall Megander bei (Nr. 546, 548f., 565). Bucer soll die Synodalakten erhalten (Nr. 546).

 

 

1.2 Die Eheangelegenheit König Heinrichs VIII. von England

Beherrschte die Diskussion um die theologische Legitimität der Ehescheidung Heinrichs VIII. die im vorausgehenden Band versammelte Korrespondenz zwischen Bucer und Grynaeus, so tritt die Thematik nun zurück. Bucer hat an Melanchthon geschrieben, um die Wittenberger zu einer Modifikation ihrer Position zu bewegen. In seiner Antwort (Nr. 502) bekräftigt Melanchthon aber deren Haltung: Diese Ehe ist nach göttlichem Recht gültig, daher bleibt eine Scheidung ausgeschlossen. Bei fortdauernden Skrupeln ist der König auf die Vollmacht zu verweisen, mit der eine Obrigkeit die Ehegesetze ändern kann. Die Straßburger Prediger Bucer, Wolfgang Capito und Matthias Zell verfassen daraufhin ihr Abschlussgutachten und senden es an Grynaeus (Nr. 530*, ediert in BDS 10, Nr. 8, S. 103-119). Dieser bittet um sichere Verwahrung der zurückbehaltenen Dokumente (Nr. 533) und will jetzt auch die Wittenberger Gutachten nach England schicken (Nr. 545). Er verspricht, Bucer mit dem Thema künftig zu verschonen (Nr. 549). Dabei steht immer noch dessen Verdacht im Raum, Grynaeus’ theologische Haltung könnte finanziell motiviert gewesen sein (vgl. unten S. XXX).

 

 

2 Die Reichspolitik

 

Die protestantischen Stände

Während der Monate vor dem Regensburger Reichstag bemühen sich die im Schmalkaldener Bund organisierten Protestanten darum, ihrer Organisation eine stabile innere Struktur zu geben und weitere Mitglieder zu gewinnen. Daher suchen einige Teilnehmer wie der Ulmer Bürgermeister Bernhard Besserer im Vorfeld des Zweiten Bundestages (19. – 27. Dezember 1531 in Frankfurt a. M.) nach Möglichkeiten, die Abendmahlskontroverse beizulegen. Blarer bittet deswegen seinen Freund Bucer, neue Möglichkeiten einer Konkordie theologisch auszuloten (Nr. 521). Dieser fürchtet aber, die Niederlage der Reformierten in der Schweiz werde zu Maximalforderungen der Lutheraner führen und widerrät einer Behandlung der Thematik zum jetzigen Zeitpunkt (Nr. 524). Kommt die Frage auf die Tagesordnung, sollen die Delegierten dies mit dem Hinweis ablehnen, ihnen fehle ein Mandat zur Verhandlung dieses Problems. Entsprechend fällt auch der Beschluss in Frankfurt aus (Nr. 535). Blarer unterrichtet Bucer über weitere Verhandlungen der Schmalkaldener im Januar 1532 in Lübeck, die eine Internationalisierung des Bündnisses zum Ziel haben (Nr. 535).

 

Der Kaiser

Die Religionspolitik des Kaisers verfolgt Bucer insofern mit Skepsis, als dessen Strategie, einen Keil zwischen die lutherischen Stände des Reiches und die Oberdeutschen zu treiben, Bucers Zielen diametral widerspricht (Nr. 552f., 565). Dennoch hält Bucer ihn grundsätzlich für friedliebend und einen Krieg für vermeidbar (Nr. 557). Er verfolgt aufmerksam die Missionen der kaiserlichen Vermittler, des Kurfürsten Ludwigs von der Pfalz, des Kurfürsten Albrechts von Mainz und Wilhelms von Habern (Nr. 557, 565).

 

Der Reichstag von Regensburg und der Tag von Schweinfurt

Blarers (Fehl)information, weder Kaiser Karl V. noch König Ferdinand I. nähmen am Reichstag teil (Nr. 535), interpretiert Bucer als Eingreifen Gottes, welches die Pläne der Gegner vereitle (Nr. 544). Von dem Treffen der Protestanten mit den Vermittlern in Schweinfurt erwartet Bucer die Aushandlung eines Waffenstillstands bis zu einem Konzil (Nr. 573).

 

 

3 Städtische Religionspolitik: Ereignisse und Entwicklungen

 

3.1  Augsburg

Bucers Besuch in Augsburg und seine dort am 17. Juni 1531 wohl in der Barfüßerkirche gehaltenen Friedenspredigt werden zwar in einem Gedicht des Augsburger Humanisten Pinician (Nr. 536) gepriesen, sie bewirken aber keine Versöhnung zwischen den einzelnen Gruppen, in die die Augsburger Gemeinde durch den Streit um das rechte Sakramentsverständnis nach wie vor zerfallen bleibt.

So klagt der in die Lechstadt geflohene venezianische Franziskaner Bartholomeo Fonzio, die Gläubigen seien kaum mehr als Glieder eines Leibes zu erkennen. Er schlägt vor, die sophistische Diskussion um die Art und Weise der Präsenz Christi auf Fachleute zu beschränken und in schlichtem Gehorsam zu glauben, dass Christus als Person im Sakrament gegenwärtig sei, wie es die Schrift sage (Nr. 500, 513). Bucer betrachtet den Streit zwar als ein Werk des Satans, erkennt hinter der theologischen Auseinandersetzung aber auch das Bestreben, die Würde des Sakraments zu wahren und den Glauben zu reinigen, vor allem bei Luther (Nr. 526).

Gereon Sailer, der sich selbst Zwinglis Lager zurechnet, beklagt in seinen Briefen erneut die Grüppchenbildung in der Augsburger Gemeinde (Nr. 537, 556, 574, 577). Die Schuld daran gibt er den in seinen Augen selbstgefälligen Augsburger Geistlichen (ausgenommen die ehemaligen Straßburger Prediger) und dem Rat. Letzterer habe die Spannungen verschärft, indem er die Lutheraner Johannes Frosch und Stephan Agricola entließ, den ehr- und gewinnsüchtigen Zwinglianer Michael Keller aber behielt.

Die aus Straßburg gekommenen Prediger Wolfgang Musculus, Theobald Nigri, Sebastian Maier und Bonifatius Wolfhart diskutieren in drei nicht ermittelten Schreiben (Nr. 506) mit Bucer die Lage in Kempten (vgl. unten S. XXX). Der einzige Privatbrief stammt von Wolfhart (Nr. 575). Er sieht sich weiterhin der Kritik des jetzt in Hof wirkenden Agricola ausgesetzt, der ihn mit Eingaben an den Augsburger Rat nötigen will, zur Heilswirksamkeit des Taufsakraments, die Wolfhart auf der Kanzel bestritt, schriftlich Stellung zu nehmen (Nr. 537, 556, 575). Für Wolfhart steht die Straßburger Position in der Sakramentsdebatte in Einklang mit derjenigen, die Luther in seinen früheren Abendmahlsschriften vertrat. Dennoch begrüßt er aus religionspolitischen Gründen, dass der Augsburger Rat den Lutheranern erneut verbot, Gottesdienste nach ihrem Ritus zu feiern. Dem anstehenden Disput mit deren Vorkämpfer Stephan Vigilius sieht er zuversichtlich entgegen (Nr. 575).

Einer Bitte Sailers entsprechend (Nr. 537) macht Capito auf seiner Reise durch Süddeutschland und die Schweiz (vgl. unten S. XXX) zwischen 11. Februar und 7. März 1532 (Nr. 554) auch in Augsburg Station. Nach Sailers Schilderung ärgert er sich über den Lebenswandel der Geistlichen dort und predigt mit großem Erfolg am 18. Februar in St. Ulrich über die ersten Verse von Lk 3 (Nr. 556, 574). Wolfhart berichtet, angesichts der Anfeindungen gegen die Augsburger Prediger habe Capito ein Bekenntnis in 24 Artikeln verfasst, das deren Position habe darlegen sollen (Nr. 575).

Zu großer Erbitterung führt bei Capito, Sailer und Blarer ein in Augsburg kursierendes, von Capito nach Straßburg übermitteltes Schreiben Luthers an Kaspar Huberinus vom 3. Januar 1532 (Nr. 554-556, 568, 577, beschwichtigend Bucer Nr. 567). Darin empfiehlt der Wittenberger seinen Augsburger Anhängern, die Taufe lieber von altgläubigen Priestern als von Geistlichen zu begehren, die der oberdeutschen Reformation verpflichtet sind, denn „die Schwärmer haben kein Tauf noch Sakrament“. Als zudem Luthers Sendbrief an Albrecht von Preußen mit seiner Kritik an Zwingli und Oekolampad vom Februar 1532 in Augsburg bekannt wird, bringt Wolfhart dessen Inhalt mit den Kopfschmerzen des Autors bei der Abfassung in Zusammenhang (Nr. 575), und Sailer argwöhnt, Luther habe sich bestechen lassen und falle deshalb ins Papsttum zurück (Nr. 574, 577).

 

 

3.2  Esslingen

 

Berufung eines leitenden Geistlichen

Da der seit Mitte September 1531 in Esslingen wirkende Ambrosius Blarer bereits zweimal nach Konstanz zurückbeordert worden ist (Nr. 512) und zudem den Memmingern seine Hilfe versprochen hat (Nr. 555), steht im Zentrum seiner Korrespondenz mit Bucer die Berufung eines Nachfolgers, der die Leitung der Esslinger Gemeinde übernehmen kann. Jakob Otter scheint angesichts der Verluste im Zweiten Kappeler Krieg in Aarau unabkömmlich zu sein (Nr. 501, 506, 567). Blarer sucht deshalb zunächst das Kommen Kaspar Glasers zu forcieren (Nr. 501, 506, 521). Bucers Information, der Marburger Gräzist Johannes Lonicer werde berufen (Nr. 524), erweist sich als falsch (Nr. 527f.). Der Esslinger Rat will vielmehr Konrad Hutzellob gewinnen, ihn gibt sein Dienstherr Philipp von Hessen aber nicht frei (Nr. 527). Ende 1531 zweifelt Blarer bereits, ob Glaser wie versprochen im Frühling kommen will (527f.). Als Bucer die Aussicht auf den im Umgang mit Täufern erfahrenen Landauer Pfarrer Johannes Bader eröffnet (Nr. 544, 547, 551, 567, 571), hält Blarer den Boten an Glaser zurück (Nr. 547). Da dieser in der Abendmahlskontroverse überdies zu Luther tendiert und eine Austragung von Konflikten in der Öffentlichkeit scheut, begrüßt Blarer schließlich, dass Glaser die Berufung nach Esslingen (Nr. 555) ablehnt (Nr. 561), wenn er die Hoffnung auf Glasers Kommen auch nicht gänzlich aufgibt (Nr. 571). Weitere Kandidaten sind Leonhard Weller in Ettlingen (Nr. 561, 567, 571) und Leonhard Brunner in Worms (Nr. 567).

 

Weitere Berufungen

Insbesondere der Prediger Martin Fuchs drängt den in Straßburg lebenden Greis Andreas Spengler, die Stelle eines Almosenpflegers in Esslingen zu übernehmen (Nr. 547, 551). Obwohl gebrechlich, kommt Spengler aus Pflichtgefühl (Nr. 567, 571). Bucer versucht den in Augsburg unzufriedenen Gerhard Geldenhauer als Lektor nach Esslingen zu vermitteln (Nr. 518, 524), lenkt aber ein (Nr. 528), als Blarer ablehnt (Nr. 527). Die Empfehlung eines vor acht Jahren aus dem Esslinger Augustinerkloster ausgetretenen Stellensuchenden (möglicherweise Sebastian Stoltz, Nr. 553) gibt Blarer an den Rat weiter (Nr. 568). Für den mit Spengler gekommenen Esslinger Georg Crasitius besteht keine Aussicht auf eine Stelle in seiner Heimatstadt. Ihn lehnt vor allem Martin Fuchs ab, weil Crasitius sich dem rekatholisierenden Religionsmandat Philipps I. von Baden eine Zeit lang gefügt hatte (Nr. 571).

 

 

Reformatorische Maßnahmen

Unter Blarer schaffen die Esslinger zu Bucers Freude den altgläubigen Messritus ab (Nr. 501, 506) und bereiten die Einführung einer Zuchtordnung vor (Nr. 521, 535, 551). Sie entfernen die Bilder (Nr. 535) und erwägen die Schließung des Bordells (Nr. 535, 544). Johannes Brenz hält diese Schritte für verfrüht (Nr. 540, 544).

 

Die Täufer

Nach Blarers eigenem Zeugnis besuchen die Täufer seine Predigten (Nr. 512), und viele wenden sich wieder der Gemeinde zu (Nr. 527). Freilich halten ihre Führer nach wie vor Versammlungen in einem Dorf bei Esslingen ab und versuchen, die Apostaten zurückzugewinnen (Nr. 571). Jene behaupten, ihre Gesinnungsgenossen in Straßburg dürften sich frei versammeln und taufen (Nr. 535).

 

 

3.3  Weitere Städte im Süden des Reiches

 

Reutlingen

Von Esslingen aus soll Blarer eine Verbindung mit den Reutlinger Predigern anbahnen. Bucer hält sie für gutwillig, allein die persönliche Autorität Luthers binde sie (Nr. 523). Blarer schätzt Johannes Schradin als den sanftmütigsten ein (Nr. 527), Bucer hingegen den verstorbenen Johannes Wimpina, denn Schradin sei nicht milder als Matthäus Alber (Nr. 528). Dieser verwarf Bucers Abendmahlslehre im persönlichen Gespräch nicht; danach behauptete er aber, Bucer habe sich ihm angeschlossen und schlüpfe je nach Situation in die Rolle des Zwinglianers oder des Lutheraners (Nr. 528). Bucer gibt Blarer Hinweise, wie er den Reutlingern auf deren Anfrage nach der örtlichen Gegenwart Christi im Mahl antworten soll. Er begrüßt, dass Johannes Schradin Blarer als Bruder anerkennt und die Abendmahlskontroverse entschärfen will, indem er strittige Punkte nicht berührt (Nr. 535, 544).

 

Kempten

Der Kemptener Rat hat bereits am 28. August 1531 beim Augsburger Magistrat um einen Pfarrer nachgesucht, der im Streit, den die Kemptener Geistlichen Johannes Seger und Jakob Haistung um die Bilder führen (Nr. 506), vermitteln kann. Bucer denkt zunächst an Jakob Otter (BCor 6, Nr. 478, S. 167, Anm. 2). Als sich herausstellt, dass er in Aarau unabkömmlich ist (vgl. oben S. XXX), und Ambrosius Blarer ihn nach Esslingen holen will (Nr. 501), schlägt Bucer vor, ein Augsburger Prediger solle die Aufgabe in Kempten vorübergehend übernehmen. Das lehnen die Augsburger Geistlichen jedoch ab (Nr. 506). Schließlich führt Capito auf der Durchreise am 8. März 1532 ein Vermittlungsgespräch (Nr. 574).

 

Memmingen

Die reformatorische Ordnung, welche Bucer und Johannes Oekolampad bei ihrem Besuch im Juli 1531 (vgl. BCor 6, Nr. 43 f., S. 13-17) anregten, ist bedroht, und die Kirchenzucht sinkt (Nr. 558). Capito stattet Memmingen am 8./9. Februar 1532 eine Kurzvisite ab; er will mit Ambrosius Blarer zurückkehren, um die Gemeinde neu zu ordnen (Nr. 561).

 

Heilbronn

Martin Germanus kritisiert die Zögerlichkeit, mit der Johannes Brenz und der Heilbronner Geistliche Johannes Lachmann eine Reform der Messe oder die Entfernung der Bilder angehen (Nr. 540). Bucer hingegen schätzt Brenz, den Freund aus Heidelberger Tagen, trotz dessen Kritik an den Umständen, unter denen die Reformation in Esslingen und Ulm eingeführt wurde (Nr. 540, 544). Während Blarer darauf hofft, auch diejenigen Heilbronner Theologen, welche der oberdeutschen Reformation ablehnend gegenüberstehen (Nr. 547), bei einem Treffen zu überzeugen, erwartet Bucer sich von Lachmann nichts (Nr. 551).

 

Zweibrücken

Nachdem der dortige Prediger Johannes Schwebel um einen Helfer für Ernstweiler nachgesucht hat, sendet Bucer im Januar 1532 Georg Pistor zur Probe (Nr. 546), möglicherweise auch einen Kandidaten für eine schlecht dotierte Schulstelle (Nr. 565). Pistor kann sich mit der Simultaneität von altem und neuem Glauben in Zweibrücken jedoch nicht abfinden und drängt auf eine Abschaffung des altgläubigen Messritus (Nr. 573). Als er damit scheitert, kehrt er nach Straßburg zurück (Nr. 570). Schwebel vermutet bei ihm zudem Sympathien für Sekten und lehnt Pistors Berufung zunächst ab. Nachdem Bucer dessen Verhalten als unerfahren entschuldigt hat, übernimmt Pistor aber schließlich die Stelle in Ernstweiler (Nr. 573).

 

 

3.4 Straßburg

 

Die Ankunft Jakob Zieglers

Mit dem dank Bucers Geldsammlung Mitte November aus Italien eingetroffenen Humanisten wünscht Grynaeus eine Unterhaltung (Nr. 516); Heinrich Bullinger will ihm eine Lebensbeschreibung Zwinglis schicken (Nr. 550), und Gereon Sailer bestellt Grüße (Nr. 556), verbunden mit dem Wunsch nach aktuellen Publikationen Zieglers (Nr. 577).

 

Das Bemühen um eine Berufung Aventins

Bucer bittet Ende 1531 Beatus Rhenanus, er möge Aventin Straßburg als Wirkungsstätte empfehlen (Nr. 520), und richtet auf Vermittlung Gereon Sailers selbst ein Schreiben an Aventin, das seinen Adressaten allerdings verfehlt (Nr. 537, 556). Die Scholarchen bewilligen diesem sechzig Gulden im Jahr, die Aussicht, hundert zu bekommen, besteht (Nr. 520).

 

Die Bewerbung des Euricius Cordus

Nikolaus Meyer, der Gesandte Philipps von Hessen, bittet Bucer, sich beim Straßburger Rat für die Anstellung seines angeheirateten Verwandten Euricius Cordus einzusetzen. Der Mediziner und Literat will Marburg verlassen (Nr. 562).

 

Die Heirat Margaretha und Konrad Huberts

Nach einigen Verzögerungen (Nr. 519, Nr. 538) reist Bucers Helfer Konrad Hubert Anfang Januar 1532 (Nr. 528, 544, 548) nach Konstanz, um die von Bucer und Margarethe Blarer vermittelte, ursprünglich auf den 2. Februar terminierte (Nr. 519) Ehe mit einer Margaretha aus Konstanz zu schließen. Ambrosius Blarer übermittelt Grüße und Glückwünsche (Nr. 501, 512, 561).

 

Der Tod Agnes Capitos und Bucers Pläne zur Wiederverheiratung Capitos

Der Tod der 28-jährigen Agnes Capito am 17. Oktober 1531 erschüttert Grynaeus und seine Familie (Nr. 504); auch der von Bucer benachrichtigte Ambrosius Blarer (Nr. 506) zeigt sein Mitgefühl (Nr. 512). Bucer begrüßt den Rat Valerius Anshelms (Nr. 548), der Witwer solle seine Depression durch eine neuerliche Eheschließung überwinden, lehnt aber die von Capito in der Hoffnung auf eine devote Ehefrau favorisierte Sabina Bader, Witwe des exekutierten Täuferführers Johannes, ab. Denkbar erscheint ihm die Kandidatur Margarethe Blarers, doch scheidet sie aus Bucers und Ambrosius Blarers Sicht aus, weil sie unverheiratet durch ihr diakonisches Engagement größere Frucht bringt (Nr. 519, 535, 544, 547). So votieren beide aus Pflicht gegenüber dem Kollegen und aus versorgungstechnischen Gründen für die gerade Witwe gewordene Wibrandis Oekolampad (Nr. 521, 544). Blarer soll diese Verbindung bei Capitos Besuch in Esslingen forcieren (Nr. 548, 551).

 

Capitos Reise durch die Schweiz und durch Süddeutschland

Nach dem Tod seiner Frau bricht Capito am 21./22. Dezember 1531 zu einer Rundreise auf, die ihn über Basel, Bern und Zürich auch nach Augsburg und Esslingen führen soll (Nr. 528). Belegt sind folgende Stationen:

 

Stadt

Ankunft

Abreise

Beleg

 

 

 

 

Basel

vor 26. Dezember

vor 29. Dezember

Nr. 529

Bern

29. Dezember

nach 15. Januar

Nr. 543

Zürich

16. Januar

17. Januar

Nr. 543

Konstanz

vor 18. Januar

 

Nr. 543

Lindau

29./30. Januar

 

Nr. 558

Memmingen

8. Februar

9. Februar

Nr. 558

Augsburg

11. – 14. Februar

nach 4. März

Nr. 554

Kempten

8. März

 

Nr. 574

Straßburg

vor 4. April

 

Nr. 574

 

 

4 Das theologisch–religionspolitische Profil Bucers in seinen Beziehungen zu einzelnen Gruppen und Personen

 

4.1 Die Grenze zwischen Bucer und den Dissenters

 

Die Täufer, insbesondere Pilgram Marbeck

Bucer glaubt, die Täufer gefährdeten aufs Höchste Kirche wie Gemeinwesen, weil sie eine bestimmte Lehre, nämlich die Ablehnung der Kindertaufe, zur Bedingung für Gemeinschaft machen. Sein Kriterium ist dagegen die aufrichtige Bruderliebe, welche Gemeinschaft trotz unterschiedlicher Lehre ermöglicht. Dabei setzt Bucer auch auf die Hilfe der Obrigkeit (Nr. 525, 569) und auf Mittel der Strenge (Nr. 523).

In der Auseinandersetzung mit dem Täuferführer Pilgram Marbeck (Nr. 511, 523, 528, 535, 541, 544) gesteht Bucer diesem zunächst große Ernsthaftigkeit und Führungsqualitäten zu, spricht ihm aber die Eignung zu Predigt und Gemeindeleitung aber ab, weil ihn Satan verstockt habe (Nr. 523). In seinen zwei Unterredungen mit Marbeck, am 9. und 13. Dezember 1531 (Nr. 523, 544), sowie im Abschlussgespräch zwischen 13. und 18. Januar 1532 (Nr. 541, 544), gewinnt Bucer den Eindruck, Marbeck sei ein streitsüchtiger und böswilliger Häretiker (Nr. 544). Dennoch kam er dessen um den 30. Dezember 1531 geäußerter Bitte, Bucer möge ihm seine Position schriftlich darlegen, nach. Marbecks ausführliches Gegenschreiben vom 10. Januar 1532 hält Bucer für bloße Verzögerungstaktik, welche die am 12. Januar endgültig ausgesprochene Ausweisung hinausschieben soll (Nr. 541, 544).

Inhaltlich geht es um den Eid, das Recht auf Selbstverteidigung und die Kindertaufe, die Marbeck allesamt ablehnt, sowie Marbecks Vorwürfe gegen die Straßburger Prediger. Nach seiner Meinung verlassen sie sich auf Menschen, vor allem die Obrigkeit, predigen das Kreuz nicht frei und verkündigen das Evangelium vor dem Gesetz; deshalb muss ihre Predigt fruchtlos bleiben (Nr. 511, 523).

 

Kaspar von Schwenckfeld

Bucer bleibt bei seiner negativen Einschätzung, die ihn dazu bewegte, Margarethe Blarer mehrfach vor Schwenckfeld zu warnen (Nr. 505). Insbesondere die Erwählungslehre, die Schwenckfeld in seinem von Blarer halbherzig empfohlenen (Nr. 535) Katechismus vertritt, findet Bucers Kritik (Nr. 528).

 

Michael Servet

Bucer tritt den Gerüchten, in Straßburg billige man die antitrinitarische Theologie Servets (vgl. BCor 6, S. XIII, Nr. 527, 564), in einer öffentlichen Vorlesung entgegen und erntet damit den Widerspruch Wolfgang Schuldheiß’ (Nr. 528, 534). Auf Anfrage des Simon Grynaeus (Nr. 529, 531) verfasst Bucer eine kurze Widerlegung Servets (Nr. 535, 544, 547).

 

Johann Campanus

Ende Dezember kommt der Däne Johann Campanus nach Straßburg; er will sein Buch Contra totum post Apostolos mundum drucken lassen (Nr. 528). Dies sucht Bucer zu verhindern, weil er die Entstehung neuer Sekten fürchtet (Nr. 534).

 

4.2 Die Grenze zwischen Bucer und Erasmus von Rotterdam

Auf ein nicht ermitteltes Schreiben Bucers an Erasmus verfasst dieser eine ausführliche Antwort (Nr. 564), welche Bucers Argumentation und seine Kritik an Erasmus entkräften soll: Nach Erasmus ist Bucers Lehre nicht die Christi, sonst verhielte er sich aufrichtig und unpolemisch und die Reformatoren wären einig und nicht tief zerstritten. Bucers Angebot, Erasmus fände im Falle von Tumulten in Straßburg Zuflucht, ist abwegig. In Basel setzte sich die Reformation tumultuarisch und nicht – wie Bucer behauptet – geordnet durch; Erasmus schildert die näheren Umstände. Gegen Bucers Meinung ist Erasmus’ Stellung bei den Fürsten durchaus zu erschüttern. Die Verdächtigungen und abfälligen Bemerkungen über Bucer und die Straßburger, die Erasmus Dritten gegenüber in Briefen äußerte, bezieht Bucer irrtümlich auf sich, denn manche Äußerung beruht auch auf einer falschen Voraussetzung; zudem wurden einige Briefe der Epistolae Floridae versehentlich publiziert, keinesfalls aber log Erasmus. Schliche darf man einsetzen, aber nicht bei der Behandlung schwierigster theologischer Themen und mit dem Anspruch von Aposteln, wie es die Evangelischen tun. Erasmus half ihnen und rief Luther wie die Fürsten zur Mäßigung auf; weder die Evangelischen noch die Altgläubigen dankten ihm dies. Auch theologisch besteht die von Bucer behauptete Einmütigkeit der Evangelischen mit Erasmus nicht. Die Differenzen zeigen sich grundsätzlich in der reformatorischen Lehrform der Paradoxie und konkret im Blick auf die reformatorische Kritik an der Zahl der Sakramente, der Messe, dem Fegefeuer, der substantiellen Gegenwart des Herrenleibes in der Eucharistie, der Anrufung der Heiligen und am freien Willen. So kann Erasmus sich um seines Seelenheiles willen der Reformation nicht anschließen. Er kritisiert zudem, dass die Protestanten ihre Reformen auch gegen den Willen der Obrigkeit einführen, Andersdenkende zur Teilnahme an ihrem Abendmahl zwingen und altgläubige Bräuche oder Liturgien verbieten. Niemand wurde durch das Evangelium der Protestanten zu einem besseren Menschen, vielmehr sanken Moral, Bildung und Wissenschaft durch die Einführung der Reformation.

 

4.3 Differenziertes Einvernehmen Bucers mit evangelischen Freunden

 

Simon Grynaeus

Die im vorausgehenden Band geführte Diskussion um die Legitimität der Ehescheidung König Heinrichs VIII. von England wird mit dem Gutachten der Straßburger Prediger sachlich abgeschlossen (Nr. 530*, vgl. oben S. XXX). Zu einer Belastungsprobe wird aber die Entlohnung von Grynaeus’ Diensten, welche den Basler in Bucers Augen dem Verdacht der Bestechlichkeit aussetzt (Nr. 503, 516) und den Inkriminierten argwöhnen lässt, sein Straßburger Freund habe ihn in England in Misskredit gebracht (Nr. 516). Zugleich sehnt Grynaeus sich aber nach einem persönlichen Gespräch und sieht nach dem Zweiten Kappeler Krieg und dem Tod Oekolampads in Bucer den einzigen Trost für sich und die Reformation (Nr. 522). Wohl zeitweilig selbst in kirchlicher Leitungsverantwortung, bestürmt er Bucer daher mit Aufträgen und Anfragen. Grynaeus erbittet von ihm eine Stellungnahme zur Trinitätskritik Michael Servets (Nr. 529, 531), eine günstige Darstellung der jetzt missliebigen Gutachten Zwinglis und Oekolampads zur englischen Eheangelegenheit (Nr. 545), eine Antwort auf die Frage, ob in einer Kirchengemeinde alle dem Beschluss der Mehrheit folgen müssen (Nr. 549), einen Brief an Melanchthon, der dessen Verdacht gegen Grynaeus und Oekolampad ausräumt (Nr. 549), eine Stellungnahme zu Hans Dencks Büchern, vor allem zu seinen Äußerungen über Gott als Urheber des Bösen (Nr. 559), und vor allem Bucers Meinung zur rechten Anwendung des Kirchenbannes und dem Verhältnis von Stadtgemeinde und Kirchengemeinde (Nr. 560, 569).

 

Wolfgang Capito

Nach dem Tod seiner Frau Agnes leidet Capito unter Schlaflosigkeit und Depressionen (Nr. 528). Bucer nimmt sich des Freundes an, bis hin zu Überlegungen über eine für ihn geeignete Ehepartnerin (vgl. oben S. XXX). Wenn er Capito auch eine integre persönliche Frömmigkeit attestiert, so kritisiert Bucer doch seine Skepsis gegenüber jedweder Tradition (Nr. 528) und seine Nähe zu den Täufern und Dissenters, etwa zu Servet oder Schwenckfeld. Im Interesse der Gemeinde sieht sich Bucer wiederholt zur Distanzierung von mancher halböffentlichen Äußerung Capitos genötigt. Bucer bittet Blarer, auf Capitos Haltung zu den Täufern einzuwirken (Nr. 528).

 

 

Ambrosius Blarer

Gegenüber seinem zu dieser Zeit wohl vertrautesten Briefpartner äußert Bucer sich in großer Offenheit zu seiner Haltung in der Abendmahlskontroverse (Nr. 524): Die Parteien verhandeln im Blick auf die Alternative Sieg oder Niederlage, daher ist die Suche nach einer für alle annehmbaren Formel gegenwärtig aussichtslos. Ein zweiter Weg zum Frieden wäre, einander trotz aller Differenzen schlicht zu ertragen; auch er war bislang nicht gangbar. Bucer schlug daher einen dritten Weg ein, den der Annäherung an den Wortlaut der Lutheraner, ohne eine grobe oder örtliche Gegenwart Christi zuzugestehen. Dies erweckte bei ihnen den Eindruck, er habe seine Position aufgegeben und stimmte sie milder. Bucer widersprach dieser Deutung nicht, weil mittlerweile Sachsen zu Recht anerkannt habe, dass die Confessio Tetrapolitana mit der Confessio Augustana übereinstimme. In der Sache gibt es keinen Unterschied, denn die Aussagen der Lutheraner über Quantität und Qualität der Gegenwart Christi im Mahl sind Extreme, welche der Intention nach nur die wahre Gegenwart Christi im Mahl sichern sollen. Umgekehrt besteht das Anliegen der reformierten Kritik an einer praesentia localis nicht darin, Christus vom Mahl auszuschließen.

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