April - August 1532

hrg. v. Wolfgang Simon, Berndt Hamm und Reinhold Friedrich

Leiden/Boston 2011
Studies in Medieval and Reformation Traditions 153

 

 

 


 

 

 

EINLEITUNG

 

Nachdem Bucer sich im Winter 1531/32 in Straßburg mit den dort zahlreich versammelten Dissenters auseinandergesetzt hat, rückt ab dem Frühjahr 1532 wieder die Reichspolitik ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit, als in Schweinfurt in Bucers Gegenwart die Verhandlungen über einen befristeten Waffenstillstand zwischen Kaiser und Protestanten beginnen. Erst Bucers theologische Gutachten und Argumentationshilfen eröffnen den Oberdeutschen dort die Möglichkeit, die Lehrformulierungen der Confessio Augustana und ihrer Apologie mitzutragen und so gegen das Kalkül des Kaisers die politische Isolation zu vermeiden. Während die lutherische Seite dies als Wechsel auf ihre Seite deutet, fühlen sich die Zwinglianer im Stich gelassen, zumal Bucer seine scharfe Kritik an deren Akzeptanz des Zweiten Kappeler Landfriedens bekräftigt. So muss Bucer sich für die Unterschrift von Schweinfurt vielfach rechtfertigen. Ausführlich und theologisch substantiell tut er dies in seinen Schreiben an Bonifatius Wolfhart, Leo Jud und Heinrich Bullinger.

Daneben beschäftigt Bucer die Situation in den Gemeinden seiner Korrespondenten, so die Nachfolge Theobald Nigris und die Beziehungen zwischen den Predigern in Augsburg, der Amtsantritt Jakob Otters in Esslingen, die Entlassung des Griechisch-Lektors Wolfgang Binthauser sowie die Neubesetzung einer Predigerstelle in Ulm, der Reformbedarf und der Autoritätsverlust Simprecht Schenks in Memmingen und das Scheitern der Einigungsbemühungen zwischen lutherischen und zwinglianischen Geistlichen im Kraichgau.

 

 


1. Statistik der Korrespondenz von April bis August 1532

 

 

 

Anzahl der Briefe

50

- Absender (Zahl der Personen ohne Bucer)

16

- Adressaten (Zahl der Personen und Gremien ohne Bucer)

19

 

 

Sprache der Briefe

- deutsch

3

- lateinisch

47

 

 

Bucer als Adressat

30

- allein

29

- mit den Straßburger Brüdern

1

 

 

Bucer als Absender

20

 

 

 

Von den in diesem Band enthaltenen Briefen sind also 40 % von Bucer verfasst und 60 % an ihn gerichtet. Damit liegt die Verteilung zwischen dem Prozentsatz des sechsten (36 % von Bucer) und des siebten (42 % von Bucer) Bandes dieses Briefwechsels. Eine genauere Aufschlüsselung nach Korrespondenten und Orten ergibt folgende Verteilung:

 

 

 

 

 

Briefkontakte zu Personen

an Bucer

von Bucer

Insgesamt

Ambrosius Blarer (Esslingen)

3

5

8

Heinrich Bullinger (Zürich)

2

3

5

Martin Frecht (Ulm)

4

-

4

Leo Jud (Zürich)

1

3

4

Gereon Sailer (Augsburg)

4

-

4

Konrad Sam (Ulm)

4

-

4

Simon Grynaeus (Basel)

3

-

3

Jakob Otter (Esslingen)

3

-

3

Martin Germanus (Fürfeld)

2

-

2

Nicolaus Kniebs (Schweinfurt / Straßburg)

-

2

2

Bonifatius Wolfhart (Augsburg)

1

1

2

 

 

 

 

 

 

 

 

Briefkontakte zu Orten

Korrespondenten

an Bucer

von Bucer

Insgesamt

Esslingen

2

6

5

11

Zürich

5

3

5

8

Augsburg

4

6

1

7

Ulm

3

5

1

6

Basel

1

3

-

3

Fürfeld

1

2

-

2

Konstanz

2

1

1

2

 

 

 

Einzelkontakte

 

 

 

 

- Briefe an Bucer

Bartholomeo Fonzio (Augsburg), Thomas Gassner (Lindau), Christoph Hoss (Speyer), Wendelin Kretz (Mosbach), Christoph Sigel (Grötzingen), Johannes Spreter (Konstanz)

 

- Briefe von Bucer

Symphorianus Altbiesser (Ort nicht ermittelt), Augsburger Brüder, Bernhard Besserer (Ulm), Theodor Bibliander (Zürich), Margarethe Blarer (Konstanz), Jakob Meyer (Straßburg), Konrad Pellikan (Zürich), Michael Servet (Straßburg), Straßburger Brüder, Jakob Sturm (Straßburg), Joachim Vadian (St. Gallen), Bonifatius Wolfhart (Augsburg), Züricher Prediger

 

 

 

 

 

Der Befund belegt die bleibende Bedeutung der Freundschaft Bucers zu Ambrosius Blarer, mit dem er – wie schon im vorausgegangenen Band – am häufigsten und thematisch am breitesten korrespondiert. Hingegen hat die Frequenz des Briefwechsels mit Simon Grynaeus (14 Briefe in BCor 7) abgenommen, wohl nicht zuletzt deshalb, weil dieser den Focus seiner Wirksamkeit nun wieder stärker auf die Universität als auf die Gemeinde richtet, deretwegen der in Sachen Kirchenleitung Unerfahrene Bucer mehrfach um Rat fragen musste. Grynaeus versucht, zwischen Bucer und den Züricher Predigern, den an Grynaeus' Stelle nun zweithäufigsten Korrespondenten, zu vermitteln. Diesen Konflikt riefen zwei Unterschriften hervor: die der Züricher unter den Zweiten Kappeler Landfrieden (die Bucer heftig kritisiert) und die der oberdeutschen Städte unter die sächsischen Bekenntnisschriften (welche die Zwinglianer als Verrat empfinden). Die jeweiligen Rechtfertigungsschreiben gewähren wertvolle Einblicke in Position, Strategie und Argumentation der Protagonisten, von denen Jud und Bullinger mehrfach, Theodor Bibliander und Konrad Pellikan aber nur einmal als Adressaten begegnen.

Letzteres gilt auch für die ehemaligen Straßburger Prediger in Augsburg, denen Bucer ausführlich und minutiös auf Bonifatius Wolfharts einziges Schreiben in diesem Band antwortet. Im Unterschied dazu thematisiert der zweite Augsburger Briefpartner Bucers, der Stadtarzt Gereon Sailer, mehrfach vor allem personelle und reichspolitische Fragen wie die bevorstehende Türkengefahr oder die Besetzung von Pfarrstellen. Bartholomeo Fonzio, der venezianische Exulant in der Lech-Stadt, bereitet in seinem Schreiben einen Besuch in Straßburg vor.

Auch im Briefwechsel mit den Ulmer Korrespondenten (Martin Frecht, Konrad Sam und Bernhard Besserer) geht es vornehmlich um Personalia wie die Entlassung des Griechischlektors Wolfgang Binthauser oder die Suche nach Kandidaten für eine Predigerstelle.

In der Korrespondenz mit Martin Germanus begegnet dann erneut die durch Bucers Schweinfurter Unterschrift noch einmal aktualisierte Frage nach einer Vereinbarkeit von reformierter und lutherischer Abendmahlslehre, die einige Kraichgauer Prediger – wie Germanus berichtet – freilich erfolglos diskutierten.

 

Die Zahl der Einzelkontakte mit einer Person oder Institution hat sich mit 38% (19 von 50 Briefen) gegenüber 23% im vorausgegangenen Band (18 von 78 Schreiben) merklich erhöht. Die Anliegen der Einzelkorrespondenten sind vielfältig. Den größten Raum nimmt aber auch hier die Auseinandersetzung mit den Schweinfurter Ereignissen ein. Neben der bereits erwähnten Augsburger und Züricher Einzelkorrespondenz zeigt das auch der Brief Thomas Gassners, der Bucers Befürchtung, Gerüchte über einen Anschluss des Straßburgers an die Lutheraner hätten die Lindauer Gemeinde verunsichert, zerstreuen will. Der Grötzinger Pfarrer Christoph Sigel erbittet Aufklärung über einen Bericht, nach dem Bucer in Schweinfurt seine Abendmahlslehre revidiert und eine Konkordie abgeschlossen hätte.

Besonders hervorzuheben sind die innerhalb der ermittelten Gesamtkorrespondenz Bucers nur hier begegnenden Korrespondenten: Christoph Hoss, Prokurator am Reichskammergericht in Speyer, fragt nach Bucers Urteil über die Trinitätskritik Michael Servets und erbittet Auskunft über die in Straßburg entstandenen Gruppierungen; der Mosbacher Prediger Wendelin Kretz dankt für die Übersendung der Unio patrum und klagt darüber, dass ihm die Gabe der Enthaltsamkeit fehle; und Johannes Spreter, Pfarrer in Konstanz, sendet Bucer seine Anleitung zur Einführung der Reformation mit der Bitte um Durchsicht. Eine genauere geographisch-thematische Ordnung ergibt dann folgendes Bild:

 

 

 

2. Themen und Orte

 

2.1 Die Internationale Perspektive: Auseinandersetzung um den Zweiten Kappeler Landfrieden

Nach dem Scheitern der Mission Simon Grynaeus', der die Reformatoren des Kontinents zu einer königsfreundlichen Beurteilung der Ehe Heinrichs VIII. von England mit Katharina von Aragon zu bewegen suchte, konzentriert sich Bucers außenpolitische Wahrnehmung auf die schweizerischen Protestanten (Nr. 581, 591). Ihre in Bucers Augen unverantwortliche Unterzeichnung des Zweiten Kappeler Landfriedens fasst er als Treuebruch gegenüber den Burgrechtspartnern auf. Die Züricher ermöglichten dadurch eine Rekatholisierung in den von Altgläubigen und Protestanten gemeinsam verwalteten Herrschaften, die nach Bucers Ansicht Gottes Willen widerstreitet und als Preisgabe der Glaubensbrüder zu werten ist. Ferner beanstandet Bucer Zürichs Akzeptanz des Majoritätsprinzips in theologischen Fragen und die Haltung der Stadt bei der Wiedereinsetzung des altgläubigen Abtes in St. Gallen sowie bei der Neuordnung der Konstanzer Einkünfte aus dem Thurgau zuungunsten der protestantischen Geistlichen der Stadt. Heinrich Bullinger beklagt sich, dass nun auch von Bucer als einem Verbündeten Zwingli alle Schuld an der Niederlage gegeben werde (Nr. 610, 44), und rechtfertigt Zürichs Unterzeichnung des Landfriedens als alternativlos (Nr. 585, 610). Bucer würdigt daraufhin Zwingli, beurteilt aber seine Weigerung, die Confessio Tetrapolitana zu unterzeichnen, als schweren bündnispolitischen Fehler (Nr. 626, 45) und schlägt vor, unter Straßburg und Zürich künftig alle gewichtigen Entscheidungen (Nr. 626, 34) und Veröffentlichungen (Nr. 626, 50) abzustimmen.

 

2.2 Die Reichspolitik: Zwischen Türkenbedrohung und Religionsfrieden

Der im April 1532 gestartete Feldzug Sultan Süleymans hatte die innenpolitische Lage der Protestanten insofern verbessert, als der Kaiser nun auf ihre Mithilfe angewiesen war. Im Zentrum der Verhandlungen, welche Karl V. über die Vermittler Ludwig V. von der Pfalz und Albrecht II. von Mainz führte, stand daher die Frage, welche religionspolitischen Freiheiten der Kaiser den Protestanten im Gegenzug zu ihrer Türkenhilfe zu gewähren bereit war.

An diesen Vermittlungsgesprächen, die am 30. März 1532 in Schweinfurt beginnen, nimmt Bucer bis zum 27. April teil (Nr. 582, 2). Seine bereits auf dem Vorbereitungstreffen der Oberdeutschen in Ulm (23. bis 25. März) vorgestellte Argumentation erlaubt den oberdeutschen Städten in Schweinfurt dann die Zusage, nichts zu lehren, was der Confessio Augustana und deren Apologie widerspricht (578; 581, 7; 591, XII). Damit gehören sie - ohne die eigene Position aufgeben zu müssen - zum Kreis der Unterzeichner der sächsischen Bekenntnisschriften, auf den der Kaiser sein Verhandlungsangebot aus machtpolitischem Kalkül beschränkt hatte. Einige Lutheraner verweisen allerdings ausdrücklich auf bleibende sakramentstheologische Differenzen wie die manducatio impiorum hin (Nr. 578, 2; 591, XL). Der Straßburger Delegation gelingt es zudem, die vom Kaiser geforderte namentliche Verurteilung der Zwinglianer zu vermeiden. Damit erhalten sie mindestens deren politische Bündnisfähigkeit (Nr. 578, 3; 580; 582, 6; 588, 3; 609, 2). Nach seiner Heimkehr (4. Mai 1532, Nr. 582, 2) verfolgt Bucer die Fortsetzung der Verhandlungen in Nürnberg (3. Juni bis 27. Juli) und den Reichstag in Regensburg (17. April bis 27. Juli) aufmerksam (Nr. 588, 600, 613, 614, 615). Seine Sorge gilt neben der Bedrohung durch die Türken (Nr. 597; 604, 1; 609, 1; 612, 613, 5; 614, 615) auch der Uneinigkeit im protestantischen Lager (Nr. 602, 604, 605). Diese zeigt sich vor allem in der Frage, ob ein Waffenstillstand mit dem Kaiser nur dann zu schließen sei, wenn auch diejenigen Stände, die sich erst in Zukunft der Reformation zuwenden würden, einbezogen sind (Nr. 588; 604, 2-3). Hier rät Bucer zu einer offenen Formulierung, welche die futuri nicht preisgibt (Nr. 602, 3; 604, 3).

 

 

2.3 Geographische Zentren der Korrespondenz

 

2.3.1 Augsburg

Im Blick auf die Reichspolitik klagt Gereon Sailer über einen Mangel an zuverlässigen Informationen über die Türkenbedrohung. Die Anwesenheit kaiserlicher Soldaten im Umkreis Augsburgs nährt sein Misstrauen. Kaufleute verbreiten, die altgläubigen Stände nähmen den Regensburger Abschied nicht an, weil er zu protestantenfreundlich sei (Nr. 615).

Die Augsburger Gemeinde sieht Bonifatius Wolfhart durch die Schweinfurter Unterschrift in Gefahr gebracht. So hätten die Augsburger Lutheraner Johannes Frosch und Stephan Agricola, die unter Berufung auf ihre Bekenntnisschriften ins Exil gingen, jetzt neue Argumente für eine Rückkehr (Nr. 584, Nr. 591, XXVI, XXVIII). Bucer empfiehlt daraufhin die Unterzeichnung des im Sinne der Väter unanstößigen Wortlauts des sächsischen Bekenntnisses (Nr. 591, XXXVIIf.), verweist auf dessen Sachdifferenz zur Position der beiden streitsüchtigen Augsburger Lutheraner, die sich gegen das richte, was die oberdeutschen Augsburger Geistlichen in Einklang mit Luther lehrten (Nr. 591, XXVI-XXVIII, XXXIII), und gibt Hinweise, wie die Kommunikation dieser Unterzeichnung gelingen kann (Nr. 591, XXXVIIIf.). Gereon Sailer hält sich in dieser Frage bewusst zurück (Nr. 593, 1) und konzentriert sich auf innergemeindliche Ereignisse. So geschah die Besetzung der Stelle des nach Straßburg zurückgekehrten Theobald Nigri mit Johann Heinrich Held gegen den Willen Sailers, der Sebastian Maier berücksichtigen wollte. Bucer soll diesem einen Trostbrief schreiben (Nr. 602, 3). Was das komplizierte religionspolitische Beziehungsgefüge in Augsburg angeht, so registriert Sailer eine Hinwendung des Bürgermeisters (Hieronymus Imhoff?) zum reformierten Prediger Michael Keller (Nr. 600, 1), dem sich auch Wolfhart angenähert hat (Nr. 615). Dieser ist ganz mit der Entwicklung des Schulwesens beschäftigt (Nr. 602, 3). Sailer selbst zieht angesichts um sich greifender Trägheit (Nr. 593, 2; 602, 2) den feurig predigenden Wolfgang Musculus (Nr. 600, 2) vor, den er durch Maier tatkräftig unterstützt sieht (Nr. 615). Sailer empfiehlt erneut einen Besuch Bartholomeo Fonzios in Straßburg (Nr. 593, 3; 600, 3); der Venezier will noch vor dem 15. Juli 1532 eintreffen (Nr. 599). Den Straßburger Otto Brunfels würde Sailer gerne für Augsburg gewinnen (Nr. 602, 1) und rät den Elsässern zur Berufung von Leonhard Fuchs (Nr. 593).

 

2.3.2 Esslingen

Die Berufung Jakob Otters

Nach langer Suche (vgl. BCor 7, S. XVI) hat Ambrosius Blarer mit Jakob Otter endlich den erhofften (Nr. 578, 8) Nachfolger gefunden (Nr. 580, 3). Schneller als erwartet (Nr. 582, 1) trifft dieser (frühestens am 7. Mai 1532) in Straßburg ein. Bei seiner Abreise Richtung Esslingen (11. Mai) nimmt er den Hut Bernhard Motzbecks, den dieser Bucer in Schweinfurt lieh, mit zurück (Nr. 582, 4). Ab 11. Juni ist Otter in Esslingen nachweisbar. Dort lobt er Blarers Arbeit und den Zustand der von diesem neu geordneten Gemeinde. Er freut sich über den guten Besuch der Predigten wie den Eifer der Jugend (Nr. 625, 2), für die er seinen Katechismus neu aufgelegt hat; dessen Abendmahlsartikel ist nun milder gefasst (Nr. 625, 3). Wegen Papiermangels in Ulm soll das Werk in Straßburg gedruckt werden (Nr. 625, 1). Otter wünscht, dass Esslingens Zuwendung zur Reformation auch bei den Ratswahlen (25. Juli) Niederschlag finde, zumal die Kirchenzucht durch fünf Oberzuchtherren (und damit ohne Geistliche) ausgeübt wird (Nr. 596).

 

Alte und neue Konflikte

Otter beschwört zwar die Freundschaft und Einigkeit unter den Esslinger Geistlichen (Nr. 625, 2), gerät aber in Konflikt mit seinem Kollegen und Wohnungsgenossen Martin Fuchs, einem gebürtigen Esslinger. Blarer bittet Bucer, Fuchs zu mehr Respekt gegenüber Otter zu ermahnen (Nr. 601, 2). Mit dem Gemminger Lutheraner Franciscus Irenicus, einem ehemaligen Mitbewerber um seine Stelle, führt Otter eine sakramentstheologische Auseinandersetzung. Er weist dessen Fehlinformation über die Schweinfurter Ereignisse (vgl. oben S. XXX) zurück (Nr. 595), sie verbreitet sich aber bis nach Basel (Nr. 616, 1). Im Anschluss an eine Abendmahlspredigt Otters, die er und Blarer als gemäßigt beurteilen, diskutierte Blarer mit Irenicus (Nr. 594, 3). Mit Sorge verfolgt Otter das Scheitern einer Einigung unter den Kraichgauer Predigern (Nr. 625, 3). Ambrosius Blarer verlässt Esslingen in den ersten Julitagen 1532 (Nr. 601, 1).

 

 

2.3.3 Ulm

Religions- und Außenpolitik

Auf dem Vorbereitungstreffen der Oberdeutschen in Ulm (23. bis 25. März 1532) kam es offensichtlich zu Differenzen, denn Bucer fürchtet, er und Capito könnten die Ulmer verletzt haben. Dies verneinen Konrad Sam und Martin Frecht (Nr. 597, 2). Jedenfalls missfällt Bucer die Nachlässigkeit der Ulmer im Umgang mit Häretikern (Nr. 578, 6). Als Ergebnis des Treffens beschließen die Oberdeutschen, auf der Grundlage des von Bucer, Kaspar Hedio und Matthias Zell verfassten Gutachtens zur Confessio Augustana (BDS 4, S. 416-427) deren Lehre zu akzeptieren, falls ein Friedstand mit dem Kaiser nur so zu erreichen ist. So leisten auch die Ulmer in Schweinfurt ihre Unterschrift (Nr. 591, II). Dennoch zählen die Züricher Geistlichen sie noch unter die Gegner Luthers (Nr. 504, 1; 626, 2). Bucer schickt den Ulmern dann von Schweinfurt aus eine wohl auf seiner Confessio (BDS 8, S. 36-54) beruhende handschriftliche Argumentationshilfe. Darin sucht er die oberdeutsche Sakramentsauffassung mithilfe biblischer und patristischer Wendungen so formulieren, dass sie den Lutheranern keinen Anstoß bietet (Nr. 582, 2). Die Ulmer lassen das Dokument in Augsburg, Memmingen und Kempten kursieren. Deshalb können sie Bucer nur eine Kopie nach Straßburg senden (Nr. 597, 1; 613, 2). Inhaltlich identifizieren sich zumindest Martin Frecht und Konrad Sam mit Bucers Linie (Nr. 597, 2). Auf dem Reichstag protestiert Ulm gegen die Bekräftigung des Augsburger Abschieds (Nr. 613, 6). Über die Türkenbedrohung kursieren nur ungesicherte Nachrichten in der Donaustadt(Nr. 597, 6); die aus Regensburg heimgekehrten Gesandten Weiprecht Ehinger sowie Daniel und Lorenz Schleicher bestätigen den Ernst der Lage und lokalisieren die Türken vor Wien (Nr. 613, 5).

 

Die innere Lage und der Besuch Ambrosius Blarers

Zu einer Entfremdung zwischen Volk und Rat führt dessen Erlaubnis, die Fleischpreise zu erhöhen (Nr. 613, 2). In dieser Situation mahnt Ambrosius Blarer bei seinem eigentlich der Verständigung in der Abendmahlsfrage gewidmeten (Nr. 582, 2; 613, 1-2) Besuch (5. bis 19. Juli 1532) zu innerem Frieden und wird deswegen von einigen als Handlanger des Rats verdächtigt (Nr. 613, 2). Blarer bringt dem Altbürgermeister Bernhard Besserer auch Anliegen vor, die Bildung und Kirche in Ulm betreffen, worauf dieser tatkräftige Hilfe verspricht. An der Einlösung dieser Versprechen zweifeln Frecht und Sam allerdings (Nr. 613, 3). Blarers Vorschlag, Frechts Vorlesung auf den Abend zu legen, findet bei den Hörern keinen Anklang (Nr. 613, 4).

 

Entlassungen und Berufungen

Wolfgang Binthauser, Inhaber der Griechisch-Lektur, deren Einrichtung Bucer und die anderen Reformatoren bei ihrem Aufenthalt in Ulm angeregt haben (Vgl. BCor 6, Nr. 430, S. 11, Z. 12), steht wegen Hörermangels vor seiner Entlassung. Ambrosius Blarer verwendet sich für ihn und fordert auch Bucer dazu auf (Nr. 580), der dem Wunsch aber erst am 27. Juni nachkommt (Nr. 603). Binthauser wird trotz zahlreicher Interventionen entlassen, erhält allerdings eine großzügige Abfindung und zieht nach Augsburg. Griechisch- und Hebräisch-Lektur werden vereint und Nicolas Meyer übertragen; der bisherige Hebräisch-Lektor Michael Brothag findet Verwendung als Prediger (Nr. 597, 3; 619, 2).

Nach der Entlassung Benedikt Herzogs (Nr. 604, 1), der über Straßburg zu Grynaeus nach Basel reisen will (Nr. 613, 6), und des alten Rottweiler Predigers, der nach Frechts und Sams Urteil  mäßig predigte, in schlechtem Leumund steht (Nr. 604, 3) und die Ulmer Prediger jetzt in Konstanz verleumdet (Nr. 619, 5), suchen die Ulmer nach Kandidaten für die Neubesetzung einer Predigerstelle. Leo Jud und Heinrich Bullinger verwenden sich für Gervasius Schuler, Sam empfahl man Paul Rasdorfer. Am Ende erhält auf Blarers Fürsprache (Nr. 597, 1) Johannes Walz die Stelle (Nr. 617, 2; 619, 5; 623, 4).

 

Einzelheiten

Sam bittet Bucer, dem als Handwerker in Straßburg lebenden Hieronymus Guntius seine Berufung als Lehrer nach Biberach mitzuteilen (Nr. 617). Frecht sendet Genesungswünsche für Elisabeth und Anastasia Bucer; auch er litt am Fieber (Nr. 619, 1). Beide Ulmer Geistlichen empfehlen den in der Buchführung bewanderten volkstümlichen Prediger Georg Enckelin (Nr. 622). Der Ulmer Drucker Hans Grüner kann aus Papiermangel weder Ambrosius Blarers Esslinger Abschiedspredigt noch Jakob Otters Katechismus drucken (Nr. 625, 1). Neben Blarer stattet auch Wolfgang Capito Ulm einen Besuch ab (Nr. 591, II).

 

2.3.5 Memmingen

Bucers nach Ulm geschickte Argumentationshilfe kursiert auch in Memmingen (Nr. 597). Ambrosius Blarer findet bei seinem Besuch (20. Juli bis 14. September 1532, Nr. 613, 4; 617, 2; 619, 2) den Eindruck Capitos bestätigt, der nach seinem Aufenthalt in Memmingen (8./9. Februar) dringenden Reformbedarf in dieser Gemeinde sah (Nr. 586). Die von Simprecht Schenk, dem Prediger an der Frauenkirche, wahrgenommene Ablehnung seiner Person (BCor 7, Nr. 558) hat seine Amtsautorität erschüttert (Nr. 586); überdies ist er krank, so dass Blarer ihn vertreten muss (Nr. 619, 2). Bucer und Capito schlagen deshalb vor, Schenk für ein halbes Jahr zu einem Studienaufenthalt nach Straßburg zu holen und von dort einen Vertreter nach Memmingen zu schicken. In Anbetracht der finanziellen Möglichkeiten Schenks soll Ambrosius Blarer dessen Gemeinde um Hilfe bitten (Nr. 586). Blarer äußert Zweifel an der Wirkung dieser Maßnahme (Nr. 594, 4).

 

2.3.4 Der Kraichgau (Mosbach und Fürfeld)

Auf der Rückreise von Schweinfurt macht Bucer in Mosbach (zwischen 28. und 30. April 1532) einen halben und in Fürfeld (zwischen 29. April und 2. Mai) und Gemmingen (zwischen 30. April und 3. Mai) je einen Tag Station.

In Mosbach, der Heimat seiner Gattin Elisabeth, sind Johannes Klincker und Michael Entenfuß seine Kontaktpersonen; mit Wendelin Kretz, dem er die Unio patrum sendet, korrespondiert Bucer sogar, wohl auch wegen des Erbes seiner Frau Elisabeth, das auszulösen sie mit Konrad Hubert nach Mosbach gereist ist (Nr. 590).

In Fürfeld begegnet Bucer dem ihm zugetanen Philipp von Gemmingen, dessen Bruder Wolf, der sich Brenz verpflichtet fühlt, und Franciscus Irenicus. Bucer berichtigt die Darstellung eines Schreibens aus Schwäbisch Hall, welches die Schweinfurter Unterschrift als Eingeständnis eines Irrtums und die Bereitschaft zur Übernahme lutherischer Liturgien interpretiert. Die Einladung Philipps, auch die anderen Gesandten Straßburgs sollten auf ihrer Heimreise bei ihm Station machen, gibt Bucer an Jakob Meyer und Jakob Sturm weiter. Er zeigt sich beeindruckt vom Fürfelder Schloss und rät, die Offerte angesichts der Wegesnähe und Straßenqualität anzunehmen (Nr. 583, 6). Der Fürfelder Pfarrer Martin Germanus dankt Bucer für die Unio patrum (Nr. 592, 3) und berichtet ihm (wie auch Ambrosius Blarer, Nr. 580, 1) von der Zusammenkunft einiger Lutheraner (Bernhard Wurzelmann, Franciscus Irenicus) und Zwinglianer (Johannes Walz, Melchior Ambach, Johann Gallus) in Fürfeld am 22. Mai 1532, die auf eine Einigung in der Abendmahlskontroverse zielte (Nr. 592, 2; 623, 1). Weil die Lutheraner auf einem Zusatz beharrten, der die manducatio impiorum und die Gegenwart Christi im Brot verpflichtend macht, gelang eine Einigung nur mit Mühe. Sie entsprach der von Schweinfurt und galt vorbehaltlich der Zustimmung weiterer Brüder. Auf dem Folgetreffen, das am 15. August im Hause Johannes Lachmanns in Heilbronn stattfand, scheiterte sie nach Germanus' Wahrnehmung an Johannes Brenz, der unter Hinweis auf eine Sachdifferenz zwischen der Confessio Tetrapolitana und den sächsischen Bekenntnisschriften auf der Gegenwart Christi im Brot auch für die Gottlosen beharrte und einen Widerruf der zwinglianischen Prediger forderte (Nr. 623, 2).

 

2.3.5 Straßburg

 

Maßnahmen des Rates

Bucer berichtet vom Konflikt des Rates mit den Bewohnerinnen des adeligen Damenstiftes St. Stephan, insbesondere mit der Äbtissin Anna von Schellenberg. Sie protestierte gegen die Einsetzung von Pflegern und die Inventarisierung beim Bischof (Nr. 583, 2). Eine zweite Neuigkeit ist die Veränderung der Läuteordnung (Nr. 583, 3).

 

Fieber und Schaden an den Weinbergen

Das grassierende Fieber wirft einige Straßburger aufs Krankenbett, nämlich Elisabeth Bucer, ihre kleine Tochter Anastasia (Nr. 618; 620, 2), Georg von Württemberg, Reinhard von Hanau (Nr. 583, 5) und möglicherweise auch Konrad Hubert (Nr. 601, 4). Ein Trompeter aus Konstanz starb. Ob auch die Krankheit von Bucers Kollegen Symphorianus Altbiesser in diesem Zusammenhang zu sehen ist, geht aus Bucers Brief an ihn nicht hervor (Nr. 614). An den Weinbergen entstand einiger Schaden, der sich aber wohl nicht sonderlich auswirken wird (Nr. 583).

 

Personalia

Theobald Nigri, der seit 25. Juli 1531 in Augsburg an St. Ulrich amtierte, kehrt im Juni nach Straßburg zurück (Nr. 594, 1). Er soll in Gereon Sailers Auftrag die Bedingungen für einen Wechsel Otto Brunfels' nach Augsburg ausloten (Nr. 602, 1). Bucer verfolgt weiterhin (vgl. BCor 7, S. XIX) eine Berufung Johannes Aventins nach Straßburg (Nr. 589). Capitos Heirat mit Wibrandis Oekolampad wird positiv aufgenommen (Nr. 583; 613).

 

Der Dissenter Michael Servet

Die noch im Zeitraum des vorigen Bandes breit geführte Auseinandersetzung (vgl. BCor 7, S. XXf.) Bucers mit den Dissenters beschränkt sich nach der Ausweisung einiger Akteure durch den Straßburger Rat nun auf einen Brief Bucers an Michael Servet (Nr. 608). Dieser hatte zuvor Bucers Widerlegung seiner Position zurückgewiesen: Bucer halte sich allein für weise, von einer Gotteskindschaft des Volkes Israel sei nicht zu reden, da diese erst mit der Fleischwerdung Christi möglich geworden sei, und Bucers Abendmahlsauffassung sei kritikwürdig. In seiner Antwort (ebd.) vertritt Bucer eine Mittlerschaft Christi schon vor seiner Fleischwerdung und sieht in der Abendmahlsfrage keine Differenz zu Servet, da er die Hauptsache in der realen, himmlischen Gabe von Leib und Blut Christi sehe und gleichzeitig die Einsetzungsworte als Tropus verstehe. Damit sei Christus im Mahl präsent, sein Leib werde im Glauben empfangen, die Sinne aber erhielten nur Brot (ebd.).

 

 

3. Die Diskussion um die Unterzeichnung der Sächsischen Bekenntnisschriften in Schweinfurt

 

3.1 Das Urteilsspektrum der Rezipienten: Vom Vorwurf des Widerrufs bis zum Attest der Geradlinigkeit

Bereits auf der Rückreise muss Bucer die Wellen dämpfen, welche die Unterschrift der Oberdeutschen unter die Sächsischen Bekenntnisschriften geschlagen hat, und übertriebene Vorstellungen von den Zugeständnissen der Straßburger zurückweisen (Nr. 583, 6). Einige Lutheraner interpretieren sie als Widerruf, so Franciscus Irenicus (Nr. 594, 3; 595; 616, 1) sowie Unbekannte in Schwäbisch Hall (Nr. 583, 6) und Lindau (Nr. 624, 2). Der altgläubige Hieronymus Vehus soll sogar von einer vollständigen Revision gesprochen haben (Nr. 606, 1). Scharfe Kritik kommt erwartungsgemäß aus dem Lager der Zwinglianer. In einem persönlichen Schreiben, das er nach Ambrosius Blarers Eindruck (Nr. 594, 2) und Bucers Vermutung (Nr. 591, I) aber wohl nicht gegen den Willen seiner Ortskollegen verfasste, kontrastiert der Augsburger Prediger Bonifatius Wolfhart Bucers jetzige mit seiner früheren Position (Nr. 584, F-G, O) und beurteilt die Schweinfurter Unterschrift als Widerruf (584, M), benennt bleibende theologische Differenzen zu den sächsischen Bekenntnisschriften und unterstellt Bucer die Abkehr von Zwingli und Oekolampad (Nr. 584, H-I) aus politischem Opportunismus (Nr. 584, G); was früher als Wahrheit galt, wird jetzt „Zwinglianischen Irrtum“ genannt (Nr. 584, K). In seinem (nicht ermittelten) Schreiben an die Augsburger habe Bucer verlangt, den körperlichen und substantiellen Genuss des Leibes Christi zu lehren (Nr. 584, C), was die Menschen in Wolfharts Augen aber nur verwirrt (Nr. 584, X). Die von Bucer wegen ihrer Unterzeichnung des Zweiten Kappeler Landfriedens scharf kritisierten Züricher reagieren mit Bitterkeit. Leo Jud will die Unterzeichnung der Worte Luthers nicht billigen (Nr. 611) und Heinrich Bullinger (Nr. 610, 34; 626) sieht durch die Schweinfurter Unterschrift Bucers Wechsel ins andere Lager vollzogen und den oberdeutsch-zwinglianischen Protestantismus dem Vorwurf der Unbeständigkeit ausgesetzt. Die Züricher fühlen sich von Bucer im Stich gelassen und zum Nachgeben gegenüber Luther aufgefordert (Nr. 610, 1, 40, 45-46). Nach Grynaeus' wohl irriger Wahrnehmung erkannten sie ihren Irrtum, nachdem dieser sie zurechtgewiesen hatte (Nr. 613).

Grynaeus selbst erbittet (Nr. 612; 616) wie Christoph Sigel (Nr. 606) von Bucer eine Aufklärung der Vorwürfe. Unterstützung erfährt Bucer von Martin Frecht und Konrad Sam, die ihm bei seinem Schweinfurter Kurs Geradlinigkeit attestieren (Nr. 597, 2). Darin bestärkt sie Ambrosius Blarer bei seinem Besuch in Ulm (Nr. 582, 1; 613, 1-2). Auch Thomas Gassner in Lindau (Nr. 625, 2) und Jakob Otter in Esslingen (Nr. 595) bestätigen Bucer bei seinem Vermittlungskurs.

 

 

3.2 Bucers Verteidigungslinie

Bucer versucht deutlich zu machen, was in Schweinfurt – nicht einmal von ihm persönlich (Nr. 626, 40) - eigentlich unterzeichnet wurde (Nr. 578; 591, 2; 598, 3): Anders als behauptet (Nr. 584, A, X; 603, 3), schloss man weder eine Konkordie (Nr. 591, XII) noch unterzeichnete man schlechthin (610, 2) die sächsischen Bekenntnisschriften. Die Straßburger stellten vielmehr am Maßstab des eigenen Bekenntnisses (Nr. 591, VII) sowie der Väter und der Schrift (Nr. 591, XL) eine Übereinstimmung mit dem sächsischen Bekenntnis – nicht mit dem Luthers (Nr. 591, XXIX) - in der Lehre, nicht jedoch bei den Riten fest (Nr. 591, II, XII; 626, 2, vgl. aber 626, 37). Sie verabschiedeten sich also nicht von ihrem Bekenntnis (Nr. 591, VII), sondern verzichteten aus strategischen Gründen nur auf dessen ausführliche Erläuterung (Nr. 591, VII) und verpflichteten sich unter der politischen Voraussetzung eines Friedensschlusses mit dem Kaiser nur dazu, nichts zu lehren, was den sächsischen Bekenntnisschriften widerspricht (Nr. 591, VII, XII, XIV; 626, 2), und bezeugten nicht mehr, als in der Sache mit Luther eins und nicht seine Gegner zu sein (Nr. 626, 40). Damit lassen sie sich nicht an den Wortlaut des sächsischen Bekenntnisses ketten (Nr. 591, XL), den sie durchaus anders als die Lutheraner interpretieren (Nr. 598, 3), und machen die Gültigkeit ihrer Unterschrift von der Gewährung eines politischen Friedstandes abhängig (Nr. 626, 2).

Gegen den Vorwurf, nach dem Tod Zwinglis und Oekolampads aus Opportunismus widerrufen zu haben, wendet Bucer ein, dass er die Meinung, Luthers und Zwinglis Lehren seien vereinbar, schon seit Jahren vertrete (Nr. 626, 40), insbesondere aber seit der Lektüre von Luthers 1528 publiziertem Bekenntnis vom Abendmahl (Nr. 591, VIII, X, XII; 598, II; 626, 7). Dabei passte er seine Publikationen stets dem Ziel an, die Abendmahlskontroverse einschlafen zu lassen (Nr. 591, 23), weil er diese für einen Streit um Worte hielt (Nr. 591, XXVII; 598, 2; 626, 33). Schon deshalb kann er sich nicht von den verstorbenen Protagonisten der Schweizer Reformation abgekehrt haben, zumal Zwingli Bucers einschlägige Konkordienschrift tolerierte und Oekolampad sie sogar unterzeichnete (Nr. 591, III, XIX-XXI). Am Ende dreht Bucer den Spieß um und verweist auf den Positionswechsel der Schweizer, die mit ihrer Unterzeichnung des Zweiten Kappeler Landfriedens die Altgläubigen sogar den Glauben an Christus in Zweifel ziehen ließen, während ihnen zuvor gegen Luther sogar Worte der Schrift und der Väter nicht kämpferisch genug waren (Nr. 591, XXIV). Seinen heutigen Kritiker Wolfhart erinnert Bucer an ein nächtliches Gespräch im Hause Capitos, bei dem auch ihm Bucers Argumente wunderbar klar erschienen (Nr. 591, XXX). Im Wissen um die Sachidentität der protestantischen Evangeliumspredigt (Nr. 626, 20) und Abendmahlslehren (Nr. 591, VI; Nr. 626, 38, 41) nahm Bucer die triumphalistische Rede der Lutheraner vom Widerruf in Kauf, um vielen Gemeinden die Verleumdung, sie bestritten die Gegenwart Christi im Mahl, zu ersparen und den hinterhältigen Versuch des Kaisers, die Protestanten zu spalten, zu vereiteln (Nr. 591, VI-VIII; 598, 3; 626, 40). Nicht mehr als das hat er auch den Augsburgern geraten (Nr. 591, XV, XXVI, XXVIII).

 

 

3.3 Horizonte der Sachdiskussion

 

3.3.1 Das Lutherbild der Zwinglianer

Wolfhart erkennt die Leistungen der Lutheraner bei der Verkündigung des Glaubens an (Nr. 584, Z). Misst man ihre Denuntiation der Zwinglianer als Schwärmer, Teufelsboten oder Verächter der Sakramente aber am Prüfstein „Liebe“, besitzen sie die Hauptsache des Christentums nur eingeschränkt (ebd.). Innerhalb der Kriegsterminologie, in der Wolfhart die Kontroverse beschreibt, firmieren die Gegner als ein letztlich kraftloser Feind (Nr. 584, I). Wolfhart nimmt Bucers Anliegen als eine Forderung, sich auf die lutherischen Bekenntnisschriften zu verpflichten, wahr und sieht dahinter eine List der teuflischen Schlange, die das Evangelium hemmen will (Nr. 584, S).

Für Leo Jud (Nr. 611) ist Luther ein Diener der Kirche und verbreitet den Glauben weiter als andere. Er schadet der Kirche aber auch wie niemand sonst und liefert sie dem Satan aus, spielt sich als zweiter Papst auf, verhält sich wie ein Geier gegenüber den Toten Zwingli und Oekolampad und zerstört durch seine Häresievorwüfe die von ihnen gepflanzten Gemeinden. Die Züricher übergingen die von ihm geschleuderten Blitze mit Schweigen und erstreben die Einheit ohne Schaden für die Wahrheit.

Bullinger neidet Luther seinen Ruhm nicht und kämpft mit ihm gegen seinen Willen aus Liebe zur Wahrheit (Nr. 610, 30). Die weite Verbreitung von Luthers Lehre spricht aber nicht notwendig für Luther, da dies auch Mohammed und Arius erreichten (Nr. 610, 22). An Luther selbst ist kein Fünkchen Anstand und Ehrlichkeit zu finden; er hat die Nachsicht der Züricher missbraucht (Nr. 610, 10). Was Bildung und theologische Urteilsfähigkeit angeht, kann er Zwingli, Oekolampad und anderen nicht einmal den Nachttopf reichen (Nr. 610, 21). Jetzt versucht der Dunkelmann, den ihm nachgewiesenen Irrtum durch Ränke und Betrug zu verschleiern und die ganze Kirche zu verspotten (Nr. 610, 15). Er ist ein Skorpion, der auch bei bester Pflege stechen wird, auch wenn er anfangs mit dem Schwanz wedelt (Nr. 626, 47). Als „Kapitän“ der Reformation ist er denkbar ungeeignet, da sein Eigensinn, sein Hochmut, seine Willkür gegenüber der Wahrheit und seine rasende Berserker-Wut das Schiff gefährden (Nr. 610, 17). Nach den trefflichen Darstellungen der reformierten Lehre durch Zwingli und Oekolampad und dem persönlichen Treffen in Marburg ist ein Missverständnis ausgeschlossen und anzuerkennen, dass die Verurteilungen der sächsischen Bekenntnisschriften sich auf die Zwinglianer beziehen (Nr. 610, 39). Dabei ist Luthers Lehre schwächer als die der Züricher (Nr. 610, 5), und Bucers Interpretation Luthers hat Luther selbst gegen sich (Nr. 626, 8). So trägt Luther und nicht die Züricher die Schuld am Streit (Nr. 610, 20). Sie löschten seine Blitze stets mit Zurückhaltung und werden auch künftig nichts anderes tun, als gegen eine Verdrehung der Wahrheit einzutreten (Nr. 610, 24).

Bucer wertet Bullingers Lutherbild als Sünde, für die er sich einst schämen wird (Nr. 626, 23), und bittet ihn um Revision (Nr. 626, 19), zumal auch die Züricher Schuld am Abendmahlsstreit tragen. So unterstellen sie Luther in ihrem Hass, er sei arrogant und knüpfe das Heil an anderes als an Christus, obwohl sie seine inneren Beweggründe nicht kennen und es ablehnen, ihn mit milderen Worten zu besänftigen (Nr. 626, 20, 24).

 

 

3.3.2 Bucers Bild von Luther und den Lutheranern

Für Bucer ist Luther das in der Welt, was Zwingli für die Schweiz war (Nr. 626, 17). Der Wittenberger hat dem Erdkreis die Augen geöffnet (Nr. 626, 20), indem er den Glauben an Christus als den einzigen Retter wieder als erster (Nr. 626, 17), weiter (Nr. 598, 1, 3; 626, 17) und erfolgreicher (Nr. 626, 15) als alle anderen verbreitete.

Er irrt aber hinsichtlich der Zwinglianer, weil man ihm zutrug, diese bestritten die Gegenwart Christi im Mahl (Nr. 591, XXXIV; 626, 10, 30, 39). Aus Streitlust schrieb er daher gegen sie, über äußeres Wort und Sakramente anfangs zu grob (Nr. 598, 1; 626, 7), reiner allerdings gegen die Päpstlichen (Nr. 598, 1) und seit seiner Schrift Vom Abendmahl Christi (Nr. 626, 7). Hier lehrt Luther nichts anderes von der Gegenwart Christi im Mahl als das, was die Zwinglianer und Bucer verbindet (Nr. 591, X), freilich ohne diese Sachnähe selbst zu erkennen (Nr. 626, 2). Das belegt auch Zwinglis Unterzeichnung der Marburger Artikel (Nr. 626, 8). Doch auch Zwingli irrt, wenn er Luther unterstellt, er lehre die Identität der Naturen von Brot und Leib, vermenge die Naturen in Christus oder bestreite die Wahrheit des menschlichen Leibes Christi. Dabei hat Zwingli allerdings Anhalt an Luthers Formulierungen, denn Luther übertreibt oft (Nr. 626, 39). Weil Luther die Position der Zwinglianer noch nicht erkannt hat (Nr. 598, 2) und ihm der Geist des Fleisches zu schaffen macht (Nr. 626, 26), behandelt er sie unerträglich unmenschlich und grausam (Nr. 598, 1; 626, 15), aber in der Überzeugung, das Wort Gottes zu verteidigen, und nicht aus Hochmut oder Willkür (Nr. 626, 17) oder in bewusster Täuschungsabsicht (Nr. 626, 15, 18), denn nichts ist ihm fremder als falsche Schmeicheleien (Nr. 626, 47).

So versieht Luther sein Amt des Evangeliums mit Ausnahme des Streits um die Sakramente heilig und rein (Nr. 591, VIII; 598, 1, 3; 626, 15), reiner selbst als die Väter (Nr. 626, 51). Luther ist ein Mann Gottes (Nr. 626, 17) und von einem guten Geist getrieben (Nr. 626, 26). Seine Denuntiationen zu erwidern, würde nur Öl ins Feuer gießen (Nr. 598, 1; 626, 25). Besser ist es, sie zu ertragen (Nr. 626, 7). Eine falsche Entscheidung des Kapitäns ist hinzunehmen, wenn sie das Schiff nicht gefährdet; riskanter ist in dieser Hinsicht ein Streit unter den Matrosen (Nr. 598, 4; 626, 17). Um das Schiff der Kirche nicht sinken zu lassen, ist den Lutheranern der Geist Gottes nicht abzusprechen, wie sie das als die Schwächeren im Glauben (Nr. 626, 7) den Schweizern und Oberdeutschen gegenüber tun, sondern ihrem Wüten mit klarem Verstand zu begegnen (Nr. 598, 4).

Bucer kennt Luthers Kritik an den sächsischen Bekenntnisschriften und unterscheidet beide Positionen (Nr. 591, XXIX). Auch die Lutheraner sind Kirche Christi (Nr. 626, 31), aber ihre Abendmahlslehre ist schwach (Nr. 591, XXIV) und enthält Irrtümer (Nr. 626, 7, 20). Allerdings muss man ihnen eine eigene Ausdrucksweise zugestehen, zumal die ihre von der Schrift überliefert und von den Vätern gebraucht worden ist (Nr. 626, 36). Das Licht der Lehre Bullingers ist aber heller als ihre Augen verkraften können (Nr. 626, 19), und sie sehen in Schrift und Vätern Aussagen, die dort nicht zu finden sind (Nr. 626, 19). Freilich glauben sie nicht, dass die leibliche Gegenwart durch ein Wunder konstituiert werde (Nr. 591, VIII; vgl. Nr. 626, 7). Tischgemeinschaft wäre mit den Lutheranern möglich, wenn sie selbst sie nicht ablehnten (Nr. 626, 10). Die Lutheraner bringen ihre Verleumdungen großsprecherisch unter die Leute (Nr. 591, VIII); dass sie andere von ihrer irrtümlich für wahr gehaltenen Lehre überzeugen wollen, zeigt aber gerade ihre Wahrheitsliebe (Nr. 626, 7, 18). Bucer attestiert ihnen Eifer um die wahre Frömmigkeit und Unschuld in der Lebensführung (Nr. 626, 19). So ist es besser, sie meinen, man habe einer körperlichen Gegenwart Zugeständnisse gemacht, als dass man ihnen als Leugner Christi gilt (Nr. 591, VIII), ohne dessen Wort und Sakramente (Nr. 591, VIII).

 

3.3.3 Bucers Selbstbild als Vermittler

Seit dem Beginn der Abendmahlskontroverse suchte Bucer unter dem großen Ziel, die Ausbreitung des Evangeliums voranzutreiben (Nr. 626, 33), zu vermitteln. Er verstärkte seine Bemühungen seit der Publikation von Luthers Schrift Vom Abendmahl Christi (Nr. 598, 2; 626, 7) und wollte mit dem Dialogus den Weg zu einer Konkordie ebnen (Nr. 626, 7). In dieser Absicht führte Bucer mit den Streitführern persönliche Gespräche in Marburg (Nr. 626, 39), Augsburg, Coburg und Zürich, deren bisherige Erfolglosigkeit er offen einräumt (Nr. 598, 2). Weil die nicht Christi sind, die nicht eins sind (Nr. 598, 2), und uneinige Geistliche das Fortschreiten des Evangelium durch ihre dann fruchtlosen Predigten (Nr. 626, 20, 31) hemmen (Nr. 626, 33), ist Bucer bereit, alles zu ertragen. Auch wenn er von den Lutheranern schärfer als die Züricher attackiert wird (Nr. 626, 44), zählen ihn die Züricher doch zu Unrecht unter die Gegner Luthers (Nr. 604, 1; 605, 1). Bucer glaubt fest daran, dass die Protestanten im Evangelium einig sind, und will dies allen gerechten Menschen beweisen (Nr. 598, 2). Dies will er erreichen, indem er jede Lehre mit für die Lutheraner unanstößigen Worten und Gedanken, vornehmlich der Schrift und der Väter, bekennt und jede ihrer Äußerungen erträgt, sofern sie sich wahrheitsfähig interpretieren lassen (Nr. 598, 2-3; 626, 15, 32, 52). Damit will er ihnen den Zugang zu reineren Formulierungen (Nr. 626, 31) offen halten. Die Fehlinterpretation dieser Haltung als Heuchelei nimmt Bucer um des höheren Zieles willen in Kauf (Nr. 626, 31).

Den Zürichern rät Bucer sich genauso zu verhalten (Nr. 626, 7). Sie haben Luthers Schriften falsch oder noch nicht ausreichend verstanden (Nr. 626, 15, 39, 50f.) und fühlen sich zu Unrecht von den Verwerfungen der sächsischen Bekenntnisschriften getroffen (Nr. 610, 37; 626, 3). Bucer fordert also gar nicht, dass sie Luther nachgeben (Nr. 626, 7, 28), sie sollen nur die Chancen auf eine Konkordie nicht leichtfertig verspielen (Nr. 626, 2).

 

 

3.3.4 Hermeneutische Differenzen

 

- Wahrheit und Lehre

Die Auseinandersetzung Bucers mit Bullinger zeigt eine wahrheitstheoretische Differenz. Bullinger geht von einer geistgewirkten, als Lehre fassbaren Wahrheit aus, die in ihrer Beständigkeit und Schlichtheit auf der Seite der Reformierten und nicht der Lutheraner steht. Als alternative mit einander konkurrierende Wahrheiten verstehen auch Leo Jud (Nr. 611, 4, 10) und Bonifatius Wolfhart (Nr. 584, H) die protestantischen Abendmahlslehren. Folglich widersprechen die lutherischen Bekenntnisschriften der reinen Lehre (Nr. 610, 36), und die innerprotestantische Lehrdifferenz ist nicht mit einer Konkordie (Nr. 584, A-B; 610, 23), sondern nur durch Angleichung der schwächeren lutherischen Lehre an die vollkommenere Züricher Lehre zu lösen (Nr. 610, 7), sonst wird die Wahrheit preisgegeben (Nr. 610, 31). Bei den Feinden der Wahrheit vermag Liebenswürdigkeit nichts (Nr. 610, 25), die Züricher können nicht wie Bucer auf zwei Stühlen sitzen (Nr. 610, 27, 29).

Für Bucer hingegen kann man zwar nicht den Glauben, wohl aber die Wahrheit quantifizieren. Deshalb können auch wahre Propheten irren, wie Luther oder Bullinger, wenn sie die Schrift auslegen oder ihre Gemeinden leiten (Nr. 626, 5-7, 18). Bucer unterscheidet dabei ausdrücklich zwischen dem Irrtum an sich und dem Irrtum aus der Sicht des Irrenden, dessen Gewissen sich in der Wahrheit glaubt (Nr. 626, 18). An sich gilt: Wer der Wahrheit an einem Punkt nicht zustimmt, der stimmt dem Heiligen Geist nicht zu und leugnet damit Gott. Aus dem kleinsten Irrtum folgt daher konsequent der Sturz von Himmel und Erde. Da aber jeder einzelne irren kann, ist auch jeder darauf angewiesen, dass seine - ihm gar nicht bewussten - Irrtümer nicht angeklagt oder verurteilt werden (Nr. 626, 18). Bullinger wie Luther sind Glieder am Leib Christi und sitzen nicht auf Christi Stuhl (Nr. 626, 27). Die Wahrheit ist daher mit den Waffen des Geistes und nicht durch grimmige Vorwürfe zu schützen (Nr. 626, 24). Wer den anderen auf seine Weise reden lässt, der gibt Christus nicht preis (Nr. 626, 31).

 

- Wahrheit und Eindeutigkeit

Durchgängig diskutiert wird das Verhältnis von schlichter und eindeutiger (Nr. 584, D; 611, 9) Rede (etwa der Schrift) und deren Auslegungsfähigkeit oder -bedürftigkeit (Nr. 611, 10; 626, 15). Wolfhart (Nr. 584, D-E) lehnt im Namen der Wahrheit jede fromme Auslegung ab und sieht deshalb in der Rede von einer körperlichen und substantiellen Gegenwart Christi im Mahl eine mutwillige Veränderung der Worte des Heiligen Geistes (Nr. 584, D). Für Bucer hingegen zeigen missverständliche Formulierungen in der Schrift (Nr. 591, XVIII) und die Tatsache, dass Jesus selbst seinen Gleichnissen noch eine Auslegung zufügt (Nr. 591, XVIII), die Auslegungsbedürftigkeit der Schrift. Seine abendmahlstheologische Position sieht Bucer gerade durch den Wortlaut der Schrift gerechtfertigt (Nr. 591, XVI). Unbeschadet dessen ist es aber gerade ein Zeichen der Liebe, alles zum Guten hin zu interpretieren (Nr. 591, XV; 626, 19). Deshalb richtet Bucer seine Rede vom Abendmahl am jeweiligen Adressaten aus (Nr. 591, Nr. XL-XLII): Den Feinden des Evangeliums oder den Streitsüchtigen ist möglichst wenig Gelegenheit, Schaden zu stiften, zu geben, den Formulierungen der schlichten Gutwilligen ist zuzustimmen, solange sie nur irgendwie rechtgläubig interpretiert werden können. Für die Unterzeichnung der Confessio Augustana und ihrer Apologie bedeutet dies, dass die Oberdeutschen die unterzeichneten Wendungen anders als die Lutheraner verstehen, sie aber nicht ablehnen, weil die Lutheraner nichts Verkehrtes darunter verbergen wollten (Nr. 598, 3).

 

 

3.3 Die theologische Sachdiskussion um Sakramentenlehre und Taufe

 

3.3.1 Sakramente allgemein

Für Wolfhart ist die Rechtfertigung Sache des Geistes im Glauben, während die Lutheraner sie Wort und Sakramenten zuweisen (Nr. 584, X). Bullinger hält die Behauptung, der Heilige Geist werde durch die Sakramente wie durch Werkzeuge geschenkt, für kindisch (Nr. 610, 37).

Nach Bucers Urteil versteht Luther die Sakramente nur als eine Ermunterung und eine Erhebung des Herzens zum Glauben, die der Glaube bewirkt, wann Gott es will (Nr. 598, 1). Er selbst sieht die Wirkung des Sakraments in den Worten, welche durch die feierlichen Symbole nur verstärkt werden (Nr. 598, 5). Das Moment des Realen und Leiblichen besteht darin, dass alles eine sichere und feste Wirksamkeit hat (598, 5).

 

3.3.2 Taufe

Bucer erkennt an (Nr. 591, III), dass die Zwinglianer Schwierigkeiten haben mit der in CA 9 aufgestellten Behauptung, die Taufe sei heilsnotwendig (Nr. 610, 37). Freilich ist hier die Geist- und nicht, wie Bullinger argwöhnt, die Wassertaufe gemeint (Nr. 626, 37). Dahinter sieht Bucer unter Berufung auf ApolCA 13 das Anliegen, dass niemand die Taufe ohne Gefahr für sein Heil misssachten dürfe. Er verweist darauf, dass auch die Lutheraner Gottes Kraft nicht an die Sakramente ketten oder eine Wirkung des Sakraments von sich aus, jenseits des Glaubens lehren. Die Taufe wird durch Worte und das Symbol Wasser gereicht (Nr. 626, 37). Eine Differenz zu Wolfhart konstatiert Bucer in der Frage der Kindertaufe, die Wolfhart abschaffen möchte, Bucer aber für ein gebotenes Sakrament Christi hält (Nr. 591, XVIII), welches die Reinwaschung von den Sünden anbietet (Nr. 598, 5).

 

 

3.4 Die theologische Sachdiskussion um die Gegenwart Christi im Abendmahl

 

Aus Bucers Sicht lehren beide Konfliktparteien dasselbe. Zur Ablehnung der jeweils anderen Position (Nr. 626, 7) führte aber Luthers Missverständnis, die Züricher bestritten die Gegenwart Christi im Mahl, und Zwinglis Irrtum, Luther lehre, dass Christus nicht durch den Glauben im Herzen wohnt, sondern durch das leibliche Essen des Mundes (Nr. 626, 39). Jenseits der strittigen Frage nach der leiblichen Gegenwart Christi im Mahl hielt man in Marburg aber einen Grundkonsens fest (Nr. 626, 36), den es  - auch wenn er erst in der Sache und noch nicht in den Herzen besteht (Nr. 626, 43) - nun zu bekennen gilt (Nr. 626, 18-19).

 

3.4.1 Die Einsetzungsworte als Tropus

Aus Bucers Sicht beharrten die Lutheraner zu Beginn der Abendmahlskontroverse auf einem wesenhaften Verständnis des est und lehnten eine Interpretation als Tropus ab. Daraus folgt an sich, dass Christus Brot wird (Nr. 598, 5). Oekolampad lehnte aber nur diese Konsequenz ab und lehrte durchaus eine über die Seele an den Leib vermittelte Realpräsenz Christi im Mahl der Jünger. Folglich müsste niemand Anstoß nehmen, wenn die Vorstellung einer Verbrotung Christi ausgeschlossen würde (ebd.). Bucer selbst versteht die verba als Tropus (Nr. 608, 3). Dies tut auch Leo Jud, der auch von einem Empfang von Fleisch und Blut Christi im Mahl reden kann, freilich im Glauben und so wie Christus Weinstock, Tür oder Licht ist (Nr. 611, 9).

 

3.4.2  Praesentia corporalis und substantialis

Bucer behauptet, die in den sächsischen Bekenntnisschriften niedergelegte Abendmahlslehre stimme mit der Position überein, die er in der Confessio Tetrapolitana, deren Apologie, seiner von Oekolampad unterzeichneten Konkordienschrift, der Apologie an Brenz, seinen Evangelienkommentaren und seinem Dialogus vertrat, nämlich dass Christi wahrer Leib und wahres Blut im Mahl wahrhaft gegenwärtig seien und im Glauben, aber nicht mit dem Mund genossen würden (Nr. 591, III; 626, 9). Die Lutheraner vertreten aus Bucers Sicht keine wunderhafte Gegenwart Christi, welche über die Präsenz hinausgeht, mit der er in unseren Herzen unser Heil wirkt (Nr. 626, 18). Auch wenn Luther in Marburg den Eindruck erweckte, er meine eine örtlich-sinnliche Gegenwart Christi im Mahl (Nr. 626, 39), distanzierte er sich doch von der Vorstellung, Christus sei grob körperlich (Nr. 626, 28) gegenwärtig, und ebenso von der Aussage, die Naturen von Brot und Leib Christi seien identisch (Nr. 626, 39). Bucer erkennt aber an, dass die Rede der sächsischen Apologie von einer praesentia corporalis und einer praesentia substantialis anstößig und unklar (Nr. 626, 19, 31) ist. Zwinglis Formulierung, der Leib werde nur bildlich gegeben und jede Rede von der Gegenwart Christi in diesem Leben beziehe sich auf dessen Gottheit, weicht hier von Bucers und Oekolampads grundsätzlicher Position sowie Schrift und Tradition der Kirche ab, nach denen wir im Mahl Gemeinschaft mit dem Fleisch Christi erlangen (Nr. 626, 39).

Für Bullinger klügelt Luther mit seiner Rede von der körperlichen Gegenwart Christi im Mahl einen anderen als den heilsamen Glauben aus. Gibt Luther aber zu, dass allein der Glaube an Christi Erlösung am Kreuz und nicht der an seine körperliche Gegenwart im Mahl uns zum Heil gereicht, dann streitet er für nichts und verspottet die Kirche (Nr. 610, 4). Ihn verweist Bucer auf die Unterscheidung zwischen notwendig zu glaubendem Glaubensinhalt und zum Heil führenden Glauben (Nr. 626, 18), das rechte Verständnis des Sitzens Christi zur Rechten des Vaters (unten S. XXX) und die patristische Rede von der leiblichen Gegenwart Christi im Mahl (Nr. 626, 28). Auch Bonifatius Wolfharts Auffassung, die Unterzeichner seien nun gezwungen zu glauben, sie äßen den Leib Christi körperlich und dem Wesen nach, korrigiert Bucer unter Verweis auf den Wortlaut der Sächsischen Bekenntnisschriften (Nr. 591, XIV, XXV). Leo Jud hingegen gesteht zu, dass im Mahl Fleisch und Blut Christi empfangen würden, freilich im Glauben (Nr. 611, 9).

 

- Der rechte Sinn nach Kyrill und den Vätern

Bucer will erst aus seiner Väterlektüre, die ihm Oekolampad vermittelte, eine belastbare Argumentation in der Abendmahlskontroverse (Nr. 591, XXX) gewonnen haben. Nach ihr verlieren die lutherischen Vorstellungen einer praesentia corporalis und einer praesentia substantialis deshalb ihre Anstößigkeit für die Reformierten, weil sie bei dem auch von Oekolampad zitierten Kyrill von Alexandrien und anderen Vätern (Nr. 591, XV, XVII, XXXIV, XXXIV; 598, 3, 5; 626, 28) durch Worte und Symbole konstituiert gedacht werden (Nr. 591, IV, XIV). Bucer gesteht allerdings zu, dass nur wenige aus dem Volk dies so verstehen (Nr. 591, V). Wenn Christus so in uns wohnt und lebt (Nr. 591, XIV, XIX), dass wir Fleisch von seinem Fleisch sind, wie die Väter mit Paulus, Gen 2, 23 und Eph 5, 23 sagen (Nr. 591, IV, XXXIV-XXXV; 598, 5; 608, 3; 626, 28, 39), dann ist die substantielle und körperliche Gegenwart Christi nicht zu bestreiten, zumal die Einsetzungsworte ein est bieten (Nr. 591, XIV-XV), nach I Kor 10, 16 eine Identität von Brot und Leib behauptet wird (Nr. 591, XV) und Christus in Joh 6, 54 in der ersten Person redet, welche Substanz impliziert (Nr. 591, XV). Christi Fleisch und Blut nimmt die Stelle des unseren ein. Deshalb ist die Gemeinschaft der Glieder mit Christus auch keine bloße Festversammlung, sondern wahre, reale und seligmachende Verbindung mit Christus (Nr. 608, 3), so wie dies auch Oekolampad im Unterschied zu Zwingli vertrat (Nr. 591, IV). In diesem Sinne kann Bucer sagen, dass der Leib zusammen mit den sichtbaren Dingen gereicht werde (Nr. 591, XIX) und unsere Leiber unsterblich mache (Nr. 591, XIX). Nach Jud hingegen redeten die Väter entsprechend dem Bildungshorizont ihrer Zeit in übertragener Weise. Dies erfordere angesichts heutiger Unbildung eine schlichte und präzise Redeweise (Nr. 611, 9).

 

- Das Anliegen der Lutheraner

Hinter dem Beharren der Lutheraner auf einer leiblichen und substantiellen Gegenwart Christi im Mahl steht nach Bucers Wahrnehmung das Anliegen, den Einsetzungsworten und mit ihnen der Autorität der Schrift  gerecht zu werden (Nr. 626, 14, 17). Diese sehen die Lutheraner durch die Rede von einer Gegenwart Christi im Geist (spiritualiter) nicht hinlänglich zum Ausdruck gebracht (Nr. 591, VIII), weil der Herr eben nicht nur Brot, sondern auch seinen Leib gewährt (Nr. 626, 28). In der Rede von einer wahrhaftigen Gegenwart des Leibes Christi im Mahl, der mit den sichtbaren Dingen gleichzeitig (Nr. 598, 5) gegenwärtig sei (Nr. 591, XXXIV), können sich nach Bucer hingegen beide Seiten wiederfinden. Luther entspricht nämlich dem Anliegen der Zwinglianer, die Art und Weise der Gegenwart Christi im Mahl so offenzuhalten (Nr. 626, 39), dass die Wahrheit des menschlichen Leibes Christi und die Unabhängigkeit des Heils von äußeren Elementen gewahrt bleibt (Nr. 626, 39), und spricht von einer unio sacramentalis (Nr. 591, VIII; 626, 39). Dabei lässt Luther die Frage nach dem Wie nicht zu (Nr. 626, 9, 17). Die Annahme, Gottes Verheißung konstituiere eine leibliche, aber nicht heilsrelevante Gegenwart jenseits unserer Sinne, ist nach Bucers Urteil kein großer Irrtum (Nr. 598, 1). Jud schlägt vor, die Adjektive körperlich, real und örtlich nur in einer für alle verbindlichen, eindeutigen Definition zu verwenden (Nr. 611, 9).

 

- Die Begründbarkeit aus der Schrift

Im Anklang an die auch von Bucer unterzeichnete vierte These der Berner Disputation bestreiten Wolfhart (Nr. 584, B-C, N), Jud (Nr. 611, 9) und Bullinger (Nr. 610, 4, 12-13), dass sich die Behauptung, Christus sei körperlich und substantiell im Mahl gegenwärtig, auf die Schrift stützen könne. Bucer verweist demgegenüber auf seine Interpretation dieser Vorstellung (Nr. 591, XIV, siehe oben) und das est der Einsetzungsworte, das wie alles in der Schrift zu glauben sei, auch wenn dies allein noch nicht zum Heile führt (Nr. 626, 13).

 

- Christi Sitzen zur Rechten des Vaters

Bullinger folgert aus der Lokalisierung des Körpers Christi zur Rechten des Vaters die Unmöglichkeit seiner Simultanpräsenz im Mahl (Nr. 610, 28, 39). Bucer interpretiert das Sitzen zur Rechten als Metapher für die Macht Christi und unterscheidet die Weisen der Leiblichkeit Christi im Himmel und im Mahl: Christus ist örtlich im Himmel und nicht örtlich aber wahrhaft im Mahl, freilich zum Zwecke seiner körperlichen Einwohnung, da die Gottheit in Christus leiblich wohnt. Dies vertrat auch Philipp Melanchthon in Augsburg (Nr. 626, 28), und auch Luther bestreitet Christi Sitzen zur Rechten des Vater nicht (Nr. 626, 18). Schließlich versprach Christus bei seiner Himmelfahrt ja auch sein Bleiben bis zum Ende der Welt (Nr. 591, XVI).

 

- Momente der Einheit

Bucer sucht die Vereinbarkeit der protestantischen Sakraments- und Abendmahlslehren mehrfach e negativo, durch gemeinsame Abgrenzung von einer dritten Position aufzuweisen. Diese Grenze ermöglicht variante Formulierungen, indem sie deren Fehlverständnis ausschließt (Nr. 591, XLII). So wirken für Lutheraner wie Zwinglianer die Sakramente nicht durch bloßen Vollzug (ex opere operato, Nr. 591, XI; XIX, XXXIX, XLII; 598, 1; 262, 17), beide machen den Leib Christi nicht zu einer Speise für den Bauch (Nr. 591, VIII, XIX, XXXIX, XLII; 598, 5; 626, 39), verwandeln ihn nicht in Brot (Nr. 591, VIII) oder schließen ihn im Brot ein (Nr. 591, VIII, XLII). Lutheraner wie Zwinglianer bestreiten gemeinsam die physische Identität des Leibes Christi mit dem Brot (Nr. 591, XIX, XXXIX; 598, 5; 626, 39) und setzen Christi Natur nicht ineins mit der des Brotes (Nr. 591, XLII).

Positiv bestimmt Bucer dann als gemeinsame dogmatische Grundlage der streitenden Parteien die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben und nicht aus Werken, die ihm als Kernstück des Evangeliums gilt (Nr. 598, 1; 626, 7, 12, 14, 17f.), das Bekenntnis zu Christus als dem einzigen Retter (Nr. 598, 4; Nr. 626, 29), die Auffassung, Christus sei wahrer Mensch  und wahrer Gott (Nr. 626, 12, 18), die Unterscheidung anstatt einer Vermischung der Naturen (Nr. 626, 7, 39), die Wahrheit des menschlichen Leibes in Christus (Nr. 626, 39) und das Sitzen Christi zur Rechten Gottes (Nr. 626, 18).

 

3.4.3 Manducatio oralis

Bucer sieht eine Gemeinsamkeit darin, dass für Lutheraner wie Zwinglianer im eigentlichen Sinne nur das Brot mit dem Mund verzehrt werde (Nr. 608, 3), der Leib aber nur wegen der unio sacramentalis. Die Auffassungen Johannes Froschs und Stephan Agricolas, dass der Leib Christi seiner Substanz nach und körperlich mit dem Mund und nicht im Glauben genossen werde, weist er zurück (Nr. 591, XXV) und spricht von einem Essen des Leibes Christi nur im Glauben (Nr. 591, XXXVI; 608, 3). Dabei identifiziert er Glaube und Essen aber nicht, vielmehr ist das Essen als Inkorporation die Frucht des Glaubens (Nr. 591, XXXVI). Schließlich habe Luther in seiner Schrift Vom Abendmahl Christi eine bildliche Erklärung des mündlichen Empfangs als Synekdoche aufgenommen und kein wörtliches Verständnis verlangt (Nr. 591, XXVIII).

 

3.4.4 Manducatio spiritualis

Nach Bucers Ansicht hatte Luther vor dem Abendmahlsstreit alles Vertrauen auf ein äußerliches Werk beseitigt und alles Gewicht auf den geistlichen Verzehr gelegt. Da er Karlstadts Impuls aber als Abschaffung der Sakramente und des äußerlichen Wortes verstand, reagierte er so heftig, dass Oekolampad und Zwingli dahinter fälschlich eine Position vermuteten, die Äußerlichem rechtfertigende Kraft zuschreibt (Nr. 591, IX; 626, 17). In der Sache besteht aber Einvernehmen mit dem sächsischen Bekenntnis, wenn die geistliche Gegenwart als Inkorporation in Christus und Christi in uns und als wahrhaftige Vereinigung mit seinem Fleisch und Blut verstanden wird (Nr. 591, XXXV; 598, 5). Dabei werden dem Evangelium heilige Symbole als sichtbare Worte zugefügt und Christus gleichsam sichtbar dargereicht, wodurch eine wirkliche Teilhabe an seinem Fleisch und Blut gewährt wird (Nr. 591, XXXVI).

 

3.4.5 Manducatio impiorum

In den Verhandlungen im Kraichgau beharren die Lutheraner auf einem Zusatz, der die manducatio impiorum enthält (Nr. 592). Bucer hingegen hält diese Vorstellung für irrelevant und ihre kontroverstheologische Problematik für lösbar (Nr. 626, 39), zumal sie die sächsischen Bekenntnisschriften gar nicht zu glauben fordern (Nr. 591, XXVI, XXXV). Unterzeichnet hätte er sie in Schweinfurt nicht (Nr. 591, XL). Seiner Meinung nach ist das Mahl nicht das Mahl des Herrn, wenn es nicht von dessen Jüngern würdig gefeiert wird (Nr. 591, XXXIV). Bei den Vätern zielte die Zulassung auch der Bösen zum Mahl darauf, die Anklage wegen ihres mangelnden Glaubenseifers zu verschärfen. Augustinus bestreitet, dass der den Leib Christi esse, der nicht im Herrn bleibt (Nr. 591, XXXVII), und auch andere Väter machen die Aufnahme des Leibes Christi davon abhängig, ob die Frucht der Inkorporation aufgenommen wird (ebd.,).

 

1. Die Internationale Perspektive:
Auseinandersetzung um den Zweiten Kappeler Landfrieden
nach dem scheitern der Mission simon grynaeus’, der die reformatoren
des Kontinents zu einer königsfreundlichen Beurteilung der ehe heinrichs
vIII. von england mit Katharina von aragon zu bewegen suchte, konzentriert
sich Bucers außenpolitische Wahrnehmung auf die schweizerischen
Protestanten (nr. 581; 591). Ihre in Bucers augen unverantwortliche unterzeichnung
des zweiten Kappeler landfriedens fasst er als treuebruch
gegenüber den Burgrechtspartnern auf. Die züricher ermöglichten dadurch
eine rekatholisierung in den von altgläubigen und Protestanten gemeinsam
verwalteten herrschaften, die nach Bucers ansicht gottes Willen widerstreitet
und als Preisgabe der glaubensbrüder zu werten ist. Ferner beanstandet
Bucer zürichs akzeptanz des Majoritätsprinzips in theologischen Fragen und
die haltung der stadt bei der Wiedereinsetzung des altgläubigen abtes in st.
gallen sowie bei der neuordnung der Konstanzer einkünfte aus dem
thurgau zum nachteil der protestantischen geistlichen der stadt. heinrich
Bullinger beklagt sich, dass nun auch von Bucer als einem verbündeten
zwingli alle schuld an der niederlage gegeben werde (nr. 610, 44), und
rechtfertigt zürichs unterzeichnung des landfriedens als alternativlos (nr.
585; 610). Bucer würdigt daraufhin zwingli, beurteilt aber seine Weigerung,
die Confessio Tetrapolitana zu unterzeichnen, als schweren bündnispolitischen
Fehler (nr. 626, 45) und schlägt vor, zwischen straßburg und zürich künftig
alle gewichtigen entscheidungen (nr. 626, 34) und veröffentlichungen (nr.
626, 50) abzustimmen.
2. Die Reichspolitik: Zwischen Türkenbedrohung und Religionsfrieden
Der im april 1532 gestartete Feldzug sultan süleymans II. hatte die innenpolitische
lage der Protestanten insofern verbessert, als der Kaiser nun auf
ihre Mithilfe angewiesen war. Im zentrum der verhandlungen, welche Karl
v. über die vermittler ludwig v. von der Pfalz und albrecht II. von Mainz
führte, stand daher die Frage, welche religionspolitischen Freiheiten der
Kaiser den Protestanten im gegenzug zu ihrer türkenhilfe zu gewähren
bereit war.
an diesen vermittlungsgesprächen, die am 30. März 1532 in schweinfurt
beginnen, nimmt Bucer bis zum 27. april teil (nr. 582, 2). seine bereits auf
dem vorbereitungstreffen der Oberdeutschen in ulm (23. bis 25. März) vorgestellte
argumentation erlaubt den oberdeutschen städten in schweinfurt
dann die zusage, nichts zu lehren, was der Confessio Augustana und deren apologie
widerspricht (nr. 578; 581, 7; 591, XII). Damit gehören sie – ohne die
eInleItung XIII
eigene Position aufgeben zu müssen – zum Kreis der unterzeichner der sächsischen
Bekenntnisschriften, auf den der Kaiser sein verhandlungsangebot
aus machtpolitischem Kalkül beschränkt hatte. einige lutheraner verweisen
allerdings ausdrücklich auf bleibende sakramentstheologische Differenzen
wie die manducatio impiorum (nr. 578, 2; 591, Xl). Der straßburger Delegation
gelingt es zudem, die vom Kaiser geforderte namentliche verurteilung der
zwinglianer zu vermeiden. Damit erhalten sie mindestens deren politische
Bündnisfähigkeit (nr. 578, 3; 580; 582, 6; 588, 3; 609, 2). nach seiner heimkehr
(4. Mai 1532, nr. 582, 2) verfolgt Bucer die Fortsetzung der verhandlungen
in nürnberg (3. Juni bis 27. Juli) und den reichstag in regensburg (17.
april bis 27. Juli) aufmerksam (nr. 588; 600; 613; 614; 615). seine sorge gilt
neben der Bedrohung durch die türken (nr. 597; 604, 1; 609, 1; 612; 613, 5;
614; 615) auch der uneinigkeit im protestantischen lager (nr. 602; 604; 605).
Diese zeigt sich vor allem in der Frage, ob ein Waffen stillstand mit dem
Kaiser nur dann zu schließen sei, wenn auch diejenigen stände, die sich erst
in zukunft der reformation zuwenden würden, einbezogen sind (nr. 588;
604, 2–3). hier rät Bucer zu einer offenen Formulierung, welche die futuri
nicht preisgibt (nr. 602, 3; 604, 3).
3. Geographische Zentren der Korrespondenz
3.1. Augsburg
Im Blick auf die reichspolitik klagt gereon sailer über einen Mangel an
zuverlässigen Informationen über die türkenbedrohung. Die anwesenheit
kaiserlicher soldaten im umkreis augsburgs nährt sein Misstrauen. Kauf -
leute verbreiten, die altgläubigen stände nähmen den regensburger
abschied nicht an, weil er zu protestantenfreundlich sei (nr. 615).
Die augsburger gemeinde sieht Bonifatius Wolfhart durch die schweinfurter
unterschrift in gefahr gebracht. so hätten die augsburger lutheraner
Johannes Frosch und stephan agricola, die unter Berufung auf ihre Bekenntnisschriften
ins exil gingen, jetzt neue argumente für eine rückkehr (nr. 584;
591, XXvI, XXvIII). Bucer empfiehlt daraufhin die unterzeichnung des im
sinne der väter unanstößigen Wortlauts des sächsischen Bekenntnisses (nr.
591, XXXvIIf.), verweist auf dessen sachdifferenz zur Position der beiden
streitsüchtigen augsburger lutheraner, die sich gegen das richte, was die
oberdeutschen augsburger geistlichen in einklang mit luther lehrten (nr.
591, XXvI–XXvIII, XXXIII), und gibt hinweise, wie die Kommunikation
dieser unterzeichnung gelingen könne (nr. 591, XXXvIIIf.). gereon sailer
hält sich in dieser Frage bewusst zurück (nr. 593, 1) und konzentriert sich auf
innergemeindliche ereignisse. so geschah die Besetzung der stelle des nach
straßburg zurückgekehrten theobald nigri mit Johann heinrich held gegen
den Willen sailers, der sebastian Maier berücksichtigen wollte. Bucer soll
diesem einen trostbrief schreiben (nr. 602, 3). Was das komplizierte reli-
XIv eInleItung
gionspolitische Beziehungsgefüge in augsburg angeht, so registriert sailer
eine hinwendung des Bürgermeisters (hieronymus Imhoff ?) zum reformierten
Prediger Michael Keller (nr. 600, 1), dem sich auch Wolfhart angenähert
hat (nr. 615). Dieser ist ganz mit der entwicklung des schulwesens beschäftigt
(nr. 602, 3). sailer selbst zieht angesichts um sich greifender trägheit (nr.
593, 2; 602, 2) den feurig predigenden Wolfgang Musculus (nr. 600, 2) vor,
den er durch sebastian Maier tatkräftig unterstützt sieht (nr. 615). sailer
empfiehlt erneut einen Besuch Bartholomeo Fonzios in straßburg (nr. 593,
3; 600, 3); der venezier will noch vor dem 15. Juli 1532 eintreffen (nr. 599).
Den straßburger Otto Brunfels würde sailer gerne für augsburg gewinnen
(nr. 602, 1) und rät den elsässern zur Berufung von leonhard Fuchs (nr.
593).
3.2. Esslingen
– Die Berufung Jakob Otters
nach langer suche (vgl. Bcor 7, s. XvI) hat ambrosius Blarer mit Jakob
Otter endlich den erhofften (nr. 578, 8) nachfolger gefunden (nr. 580, 3).
schneller als erwartet (nr. 582, 1) trifft dieser (frühestens am 7. Mai 1532) in
straßburg ein. Bei seiner abreise richtung esslingen (11. Mai) nimmt er den
hut Bernhard Motzbecks, den dieser Bucer in schweinfurt lieh, mit zurück
(nr. 582, 4). ab 11. Juni ist Otter in esslingen nachweisbar. Dort lobt er
Blarers arbeit und den zustand der von diesem neu geordneten gemeinde.
er freut sich über den guten Besuch der Predigten wie den eifer der Jugend
(nr. 625, 2), für die er seinen Katechismus neu aufgelegt hat; dessen abendmahlsartikel
ist nun milder gefasst (nr. 625, 3). Wegen Papiermangels in ulm
soll das Werk in straßburg gedruckt werden (nr. 625, 1). Otter wünscht, dass
esslingens zuwendung zur reformation auch bei den ratswahlen (25. Juli)
niederschlag finde, zumal die Kirchenzucht durch fünf Oberzuchtherren
(und damit ohne geistliche) ausgeübt wird (nr. 596).
– alte und neue Konflikte
Otter beschwört zwar die Freundschaft und einigkeit unter den esslinger
geistlichen (nr. 625, 2), gerät aber in Konflikt mit seinem Kollegen und
Wohnungsgenossen Martin Fuchs, einem gebürtigen esslinger. Blarer bittet
Bucer, Fuchs zu mehr respekt gegenüber Otter zu ermahnen (nr. 601, 2).
Mit dem gemminger lutheraner Franciscus Irenicus, einem ehemaligen
Mitbewerber um seine stelle, führt Otter eine sakramentstheologische
ausein andersetzung. er weist dessen Fehlinformation über die schweinfurter
ereignisse (vgl. oben s. XXX) zurück (nr. 595), sie verbreitet sich aber bis
nach Basel (nr. 616, 1). Im anschluss an eine abendmahlspredigt Otters, die
er und Blarer als gemäßigt beurteilen, diskutierte Blarer mit Irenicus (nr. 594,
3). Mit sorge verfolgt Otter das scheitern einer einigung unter den KraicheInleItung
Xv
gauer Predigern (nr. 625, 3). ambrosius Blarer verlässt esslingen in den
ersten Julitagen 1532 (nr. 601, 1).
3.3. Ulm
– religions- und außenpolitik
auf dem vorbereitungstreffen der Oberdeutschen in ulm (23. bis 25. März
1532) kam es offensichtlich zu Differenzen, denn Bucer fürchtet, er und
capito könnten die ulmer verletzt haben. Dies verneinen Konrad sam und
Martin Frecht (nr. 597, 2). Jedenfalls missfällt Bucer die nachlässigkeit der
ulmer im umgang mit häretikern (nr. 578, 6). als ergebnis des treffens be -
schließen die Oberdeutschen, auf der grundlage des von Bucer, Kaspar
hedio und Matthias zell verfassten gutachtens zur Confessio Augustana (BDs
4, s. 416–427) deren lehre zu akzeptieren, falls ein Friedstand mit dem
Kaiser nur so zu erreichen sei. so leisten auch die ulmer in schweinfurt ihre
unterschrift (nr. 591, II). Dennoch zählen die züricher geistlichen sie noch
unter die gegner luthers (nr. 504, 1; 626, 2). Bucer schickt den ulmern
dann von schweinfurt aus eine wohl auf seiner Confessio (BDs 8, s. 36–54)
beruhende handschriftliche argumentationshilfe. Darin sucht er die oberdeutsche
sakramentsauffassung mithilfe biblischer und patristischer Wendungen
so zu formulieren, dass sie den lutheranern keinen anstoß bietet (nr.
582, 2). Die ulmer lassen das Dokument in augsburg, Memmingen und
Kempten kursieren. Deshalb können sie Bucer nur eine Kopie nach straßburg
senden (nr. 597, 1; 613, 2). Inhaltlich identifizieren sich zumindest
Martin Frecht und Konrad sam mit Bucers linie (nr. 597, 2). auf dem
reichstag protestiert ulm gegen die Bekräftigung des augsburger abschieds
(nr. 613, 6). Über die türkenbedrohung kursieren nur ungesicherte
nachrichten in der Donaustadt (nr. 597, 6); die aus regensburg heimgekehrten
gesandten Weiprecht ehinger sowie Daniel und lorenz schleicher bestätigen
den ernst der lage und lokalisieren die türken vor Wien (nr. 613, 5).
– Die innere lage und der Besuch ambrosius Blarers
zu einer entfremdung zwischen volk und rat führt dessen erlaubnis, die
Fleischpreise zu erhöhen (nr. 613, 2). In dieser situation mahnt ambrosius
Blarer bei seinem eigentlich der verständigung in der abendmahlsfrage
gewidmeten (nr. 582, 2; 613, 1–2) Besuch (5. bis 19. Juli 1532) zu innerem
Frieden und wird deswegen von einigen als handlanger des rats verdächtigt
(nr. 613, 2). Blarer trägt dem altbürgermeister Bernhard Besserer auch
anliegen vor, die Bildung und Kirche in ulm betreffen, worauf dieser tatkräftige
hilfe verspricht. an der einlösung dieser versprechen zweifeln Frecht
und sam allerdings (nr. 613, 3). Blarers vorschlag, Frechts vorlesung auf den
abend zu legen, findet bei den hörern keinen anklang (nr. 613, 4).
XvI eInleItung
– entlassungen und Berufungen
Wolfgang Binthauser, Inhaber der griechisch-lektur, deren einrichtung
Bucer und die anderen reformatoren bei ihrem aufenthalt in ulm angeregt
haben (vgl. Bcor 6, nr. 430, s. 11, z. 12), steht wegen hörermangels vor
seiner entlassung. ambrosius Blarer verwendet sich für ihn und fordert auch
Bucer dazu auf (nr. 580), der dem Wunsch aber erst am 27. Juni nachkommt
(nr. 603). Binthauser wird trotz zahlreicher Interventionen entlassen, erhält
allerdings eine großzügige abfindung und zieht nach augsburg. griechischund
hebräisch-lektur werden vereint und nicolas Meyer übertragen; der
bisherige hebräisch-lektor Michael Brothag findet verwendung als Prediger
(nr. 597, 3; 619, 2).
nach der entlassung Benedikt herzogs (nr. 604, 1), der über straßburg
zu grynaeus nach Basel reisen will (nr. 613, 6), und des alten rottweiler Predigers,
der nach Frechts und sams urteil mäßig predigte, in schlechtem
leumund steht (nr. 604, 3) und die ulmer Prediger jetzt in Konstanz verleumdet
(nr. 619, 5), suchen die ulmer nach Kandidaten für die neubesetzung
einer Predigerstelle. leo Jud und heinrich Bullinger verwenden sich für
gervasius schuler, sam empfahl man Paul rasdorfer. am ende erhält auf
Blarers Fürsprache (nr. 597, 1) Johannes Walz die stelle (nr. 617, 2; 619, 5;
623, 4).
– einzelheiten
sam bittet Bucer, dem als handwerker in straßburg lebenden hieronymus
guntius seine Berufung als lehrer nach Biberach mitzuteilen (nr. 617).
Frecht sendet genesungswünsche für elisabeth und anastasia Bucer; auch er
litt am Fieber (nr. 619, 1). Beide ulmer geistlichen empfehlen den in der
Buchführung bewanderten volkstümlichen Prediger georg enckelin (nr.
622). Der ulmer Drucker hans grüner kann aus Papiermangel weder
ambrosius Blarers esslinger abschiedspredigt noch Jakob Otters Katechismus
drucken (nr. 625, 1). neben Blarer stattet auch Wolfgang capito ulm
einen Besuch ab (nr. 591, II).
3.4. Memmingen
Bucers nach ulm geschickte argumentationshilfe kursiert auch in Memmingen
(nr. 597). ambrosius Blarer findet bei seinem Besuch (20. Juli bis 14. september
1532, nr. 613, 4; 617, 2; 619, 2) den eindruck capitos bestätigt, der
nach seinem aufenthalt in Memmingen (8./9. Februar) dringenden reformbedarf
in dieser gemeinde sah (nr. 586). Die von simprecht schenk, dem
Prediger an der Frauenkirche, wahrgenommene ablehnung seiner Person
(Bcor 7, nr. 558) hat seine amtsautorität erschüttert (nr. 586); überdies ist er
krank, so dass Blarer ihn vertreten muss (nr. 619, 2). Bucer und capito schlagen
deshalb vor, schenk für ein halbes Jahr zu einem studienaufenthalt nach
eInleItung XvII
straßburg zu holen und von dort einen vertreter nach Memmingen zu schicken.
In anbetracht der miserabelen finanziellen Möglichkeiten schenks soll
ambrosius Blarer dessen gemeinde um hilfe bitten (nr. 586). Blarer äußert
zweifel an der Wirkung dieser Maßnahme (nr. 594, 4).
3.5 Der Kraichgau (Mosbach und Fürfeld)
auf der rückreise von schweinfurt macht Bucer in Mosbach (zwischen dem
28. und 30. april 1532) einen halben und in Fürfeld (zwischen dem 29. april
und 2. Mai) und gemmingen (zwischen dem 30. april und 3. Mai) je einen
tag station.
In Mosbach, der heimat seiner gattin elisabeth, sind Johannes Klincker
und Michael entenfuß Bucers Kontaktpersonen; mit Wendelin Kretz, dem er
die Unio patrum sendet, korrespondiert Bucer sogar, wohl auch wegen des
erbes seiner Frau elisabeth, das auszulösen sie mit Konrad hubert nach
Mosbach gereist ist (nr. 590).
In Fürfeld begegnet Bucer dem ihm zugetanen Philipp von gemmingen,
dessen Bruder Wolf, der sich Brenz verpflichtet fühlt, und Franciscus Irenicus.
Bucer berichtigt die Darstellung eines schreibens aus schwäbisch hall,
welches die schweinfurter unterschrift als eingeständnis eines Irrtums und
als Bereitschaft zur Übernahme lutherischer liturgien interpretiert. Die einladung
Philipps, auch die anderen gesandten straßburgs sollten auf ihrer
heimreise bei ihm station machen, gibt Bucer an Jakob Meyer und Jakob
sturm weiter. er zeigt sich beeindruckt vom Fürfelder schloss und rät, die
Offerte angesichts der Wegesnähe und straßenqualität anzunehmen (nr.
583, 6). Der Fürfelder Pfarrer Martin germanus dankt Bucer für die Unio
patrum (nr. 592, 3) und berichtet ihm (wie auch ambrosius Blarer, nr. 580, 1)
von der zusammenkunft einiger lutheraner (Bernhard Wurzelmann, Franciscus
Irenicus) und zwinglianer (Johannes Walz, Melchior ambach, Johann
gallus) in Fürfeld am 22. Mai 1532, die auf eine einigung in der abendmahlskontroverse
zielte (nr. 592, 2; 623, 1). Weil die lutheraner auf einem
zusatz beharrten, der die manducatio impiorum und die gegenwart christi im
Brot verpflichtend macht, gelang eine einigung nur mit Mühe. sie entsprach
der von schweinfurt und galt vorbehaltlich der zustimmung weiterer Brüder.
auf dem Folgetreffen, das am 15. august im hause Johannes lachmanns in
heilbronn stattfand, scheiterte sie nach germanus’ Wahrnehmung an
Johannes Brenz, der unter hinweis auf eine sachdifferenz zwischen der
Confessio Tetrapolitana und den sächsischen Bekenntnisschriften auf der gegenwart
christi im Brot auch für die gottlosen beharrte und einen Widerruf der
zwinglianischen Prediger forderte (nr. 623, 2).
XvIII eInleItung
3.6. Straßburg
– Maßnahmen des rates
Bucer berichtet vom Konflikt des rates mit den Bewohnerinnen des adeligen
Damenstiftes st. stephan, insbesondere mit der Äbtissin anna von schellenberg.
sie protestierte gegen die einsetzung von Pflegern und die Inventarisierung
beim Bischof (nr. 583, 2). eine zweite neuigkeit ist die veränderung der
läuteordnung (nr. 583, 3).
– Fieber und schaden an den Weinbergen
Das grassierende Fieber wirft einige straßburger aufs Krankenbett, nämlich
elisabeth Bucer, ihre kleine tochter anastasia (nr. 618; 620, 2), georg von
Württemberg, reinhard von hanau (nr. 583, 5) und möglicherweise auch
Konrad hubert (nr. 601, 4). ein trompeter aus Konstanz starb. Ob auch die
Krankheit von Bucers Kollegen symphorianus altbiesser in diesem zusammenhang
zu sehen ist, geht aus Bucers Brief an ihn nicht hervor (nr. 614).
an den Weinbergen entstand einiger schaden, der sich aber wohl nicht sonderlich
auswirken wird (nr. 583).
– Personalia
theobald nigri, der seit 25. Juli 1531 in augsburg an st. ulrich amtierte,
kehrt im Juni nach straßburg zurück (nr. 594, 1). er soll in gereon sailers
auftrag die Bedingungen für einen Wechsel Otto Brunfels’ nach augsburg
ausloten (nr. 602, 1). Bucer verfolgt weiterhin (vgl. Bcor 7, s. XIX) eine
Berufung Johannes aventins nach straßburg (nr. 589). capitos heirat mit
Wibrandis Oekolampad wird positiv aufgenommen (nr. 583; 613).
– Der Dissenter Michael servet
Die noch im zeitraum des vorigen Bandes breit geführte auseinandersetzung
(vgl. Bcor 7, s. XXf.) Bucers mit den Dissenters beschränkt sich nach der
ausweisung einiger akteure durch den straßburger rat nun auf einen Brief
Bucers an Michael servet (nr. 608). Dieser hatte zuvor Bucers Widerlegung
seiner Position zurückgewiesen: Bucer halte sich allein für weise, von einer
gotteskindschaft des volkes Israel sei nicht zu reden, da diese erst mit der
Fleischwerdung christi möglich geworden sei, und Bucers abendmahlsauffassung
sei kritikwürdig. In seiner antwort (ebd.) vertritt Bucer eine Mittlerschaft
christi schon vor seiner Fleischwerdung und sieht in der abendmahlsfrage
keine Differenz zu servet, da er die hauptsache in der realen, himmlischen
gabe von leib und Blut christi sehe und gleichzeitig die einsetzungs -
worte als tropus verstehe. Damit sei christus im Mahl präsent, sein leib
werde im glauben empfangen, die sinne aber erhielten nur Brot (ebd.).
eInleItung XIX
c. DIe DIsKussIOn uM DIe unterzeIchnung Der sÄchsIschen
BeKenntnIsschrIFten In schWeInFurt
1. Das Urteilsspektrum der Rezipienten:
Vom Vorwurf des Widerrufs bis zum Attest der Geradlinigkeit
Bereits auf der rückreise muss Bucer die Wellen dämpfen, welche die unterschrift
der Oberdeutschen unter die sächsischen Bekenntnisschriften geschlagen
hat, und übertriebene vorstellungen von den zugeständnissen der straßburger
zurückweisen (nr. 583, 6). einige lutheraner interpretieren sie als
Widerruf, so Franciscus Irenicus (nr. 594, 3; 595; 616, 1) sowie unbekannte
in schwäbisch hall (nr. 583, 6) und lindau (nr. 624, 2). Der altgläubige hieronymus
vehus soll sogar von einer vollständigen revision gesprochen haben
(nr. 606, 1). scharfe Kritik kommt erwartungsgemäß aus dem lager der
zwinglianer. In einem persönlichen schreiben, das er nach ambrosius
Blarers eindruck (nr. 594, 2) und Bucers vermutung (nr. 591, I), aber wohl
nicht gegen den Willen seiner Ortskollegen verfasste, kontrastiert der augs -
burger Prediger Bonifatius Wolfhart Bucers jetzige Position mit seiner früheren
(nr. 584, F–g, O) und beurteilt die schweinfurter unterschrift als Widerruf
(584, M), benennt bleibende theologische Differenzen zu den sächsischen
Bekenntnisschriften und unterstellt Bucer die abkehr von zwingli und Oekolampad
(nr. 584, h–I) aus politischem Opportunismus (nr. 584, g); was
früher als Wahrheit galt, wird jetzt „zwinglianische Irrtum“ genannt (nr.
584, K). In seinem (nicht ermittelten) schreiben an die augsburger habe
Bucer verlangt, den körperlichen und substantiellen genuss des leibes
christi zu lehren (nr. 584, c), was die Menschen in Wolfharts augen aber
nur verwirrt (nr. 584, X). Die von Bucer wegen ihrer unterzeichnung des
zweiten Kappeler landfriedens scharf kritisierten züricher reagieren mit
Bitterkeit. leo Jud will die unterzeichnung der Worte luthers nicht billigen
(nr. 611) und heinrich Bullinger (nr. 610, 34; 626) sieht durch die schweinfurter
unterschrift Bucers Wechsel ins andere lager vollzogen und den oberdeutsch-
zwinglianischen Protestantismus dem vorwurf der unbeständigkeit
ausgesetzt. Die züricher fühlen sich von Bucer im stich gelassen und zum
nachgeben gegenüber luther aufgefordert (nr. 610, 1, 40, 45–46). nach
grynaeus’ wohl irriger Wahrnehmung erkannten sie ihren Irrtum, nachdem
dieser sie zurechtgewiesen hatte (nr. 613).
grynaeus selbst erbittet (nr. 612; 616) wie christoph sigel (nr. 606) von
Bucer eine aufklärung der vorwürfe. unterstützung erfährt Bucer von
Martin Frecht und Konrad sam, die ihm bei seinem schweinfurter Kurs
geradlinigkeit attestieren (nr. 597, 2). Darin bestärkt sie ambrosius Blarer
bei seinem Besuch in ulm (nr. 582, 1; 613, 1–2). auch thomas gassner in
lindau (nr. 625, 2) und Jakob Otter in esslingen (nr. 595) bestätigen Bucer
bei seinem vermittlungskurs.
XX eInleItung
2. Bucers Verteidigungslinie
Bucer versucht deutlich zu machen, was in schweinfurt – nicht einmal von
ihm persönlich (nr. 626, 40) – eigentlich unterzeichnet wurde (nr. 578; 591,
2; 598, 3). anders als behauptet (nr. 584, a, X; 603, 3) schloss man weder
eine Konkordie (nr. 591, XII) noch unterzeichnete man schlechthin (nr. 610,
2) die sächsischen Bekenntnisschriften. Die straßburger stellten vielmehr am
Maßstab des eigenen Bekenntnisses (nr. 591, vII) sowie der väter und der
schrift (nr. 591, Xl) eine Übereinstimmung mit dem sächsischen Bekenntnis
– nicht mit dem luthers (nr. 591, XXIX) – in der lehre, nicht jedoch bei den
riten fest (nr. 591, II, XII; 626, 2; vgl. aber 626, 37). sie verabschiedeten sich
also nicht von ihrem Bekenntnis (nr. 591, vII), sondern verzichteten aus strategischen
gründen nur auf dessen ausführliche erläuterung (nr. 591, vII).
Ferner verpflichteten sie sich unter der politischen voraussetzung eines Friedensschlusses
mit dem Kaiser nur dazu, nichts zu lehren, was den sächsischen
Bekenntnisschriften widerspricht (nr. 591, vII, XII, XIv; 626, 2), und
bezeugten nicht mehr als in der sache mit luther eins und nicht seine
gegner zu sein (nr. 626, 40). sie ließen sich nicht an den Wortlaut des sächsischen
Bekenntnisses ketten (nr. 591, Xl), den sie durchaus anders als die
lutheraner interpretieren (nr. 598, 3), und machen die gültigkeit ihrer
unterschrift von der gewährung eines politischen Friedstandes abhängig (nr.
626, 2).
gegen den vorwurf, nach dem tod zwinglis und Oekolampads aus
Opportunismus widerrufen zu haben, wendet Bucer ein, dass er die
Meinung, luthers und zwinglis lehren seien vereinbar, schon seit Jahren vertrete
(nr. 626, 40), insbesondere aber seit der lektüre von luthers 1528
publiziertem Bekenntnis vom Abendmahl (nr. 591, vIII, X, XII; 598, II; 626, 7).
Dabei passte er seine Publikationen stets dem ziel an, die abendmahlskontroverse
einschlafen zu lassen (nr. 591, 23), weil er diese für einen streit um
Worte hielt (nr. 591, XXvII; 598, 2; 626, 33). schon deshalb kann er sich
nicht von den verstorbenen Protagonisten der schweizer reformation abgekehrt
haben, zumal zwingli Bucers einschlägige Konkordienschrift tolerierte
und Oekolampad sie sogar unterzeichnete (nr. 591, III, XIX–XXI). am
ende dreht Bucer den spieß um und verweist auf den Positionswechsel der
schweizer, die mit ihrer unterzeichnung des zweiten Kappeler landfriedens
die altgläubigen sogar den glauben an christus in zweifel ziehen ließen,
während ihnen zuvor gegen luther sogar Worte der schrift und der väter
nicht kämpferisch genug waren (nr. 591, XXIv). seinen heutigen Kritiker
Wolfhart erinnert Bucer an ein nächtliches gespräch im hause capitos, bei
dem auch ihm Bucers argumente wunderbar klar erschienen (nr. 591,
XXX). Im Wissen um die sachidentität der protestantischen evangeliums -
predigt (nr. 626, 20) und abendmahlslehren (nr. 591, vI; 626, 38, 41) nahm
Bucer die triumphalistische rede der lutheraner vom Widerruf in Kauf, um
eInleItung XXI
vielen gemeinden die verleumdung, sie bestritten die gegenwart christi im
Mahl, zu ersparen und den hinterhältigen versuch des Kaisers, die Protestanten
zu spalten, zu vereiteln (nr. 591, vI–vIII; 598, 3; 626, 40). nicht mehr
als das hat er auch den augsburgern geraten (nr. 591, Xv, XXvI, XXvIII).
3. Horizonte der Sachdiskussion
3.1 Das Lutherbild der Zwinglianer
Wolfhart erkennt die leistungen der lutheraner bei der verkündigung des
glaubens an (nr. 584, z). Misst man ihre Denuntiation der zwinglianer als
schwärmer, teufelsboten oder verächter der sakramente aber am Prüfstein
„liebe“, besitzen sie die hauptsache des christentums nur eingeschränkt
(ebd.). Innerhalb der Kriegsterminologie, in der Wolfhart die Kontroverse
beschreibt, firmieren die gegner als ein letztlich kraftloser Feind (nr. 584, I).
Wolfhart nimmt Bucers anliegen als eine Forderung sich auf die lutherischen
Bekenntnisschriften zu verpflichten wahr und sieht dahinter eine list der teuflischen
schlange, die das evangelium hemmen will (nr. 584, s).
Für leo Jud (nr. 611) ist luther ein Diener der Kirche und verbreitet den
glauben weiter als andere. er schadet der Kirche aber auch wie niemand
sonst und liefert sie dem satan aus, spielt sich als zweiter Papst auf, verhält
sich wie ein geier gegenüber den toten zwingli und Oekolampad und
zerstört durch seine häresievorwüfe die von ihnen gepflanzten gemeinden.
Die züricher übergeben die von ihm geschleuderten Blitze mit schweigen
und erstreben die einheit ohne schaden für die Wahrheit.
Bullinger neidet luther seinen ruhm nicht und kämpft mit ihm gegen
seinen Willen aus liebe zur Wahrheit (nr. 610, 30). Die weite verbreitung
von luthers lehre spricht aber nicht notwendig für luther, da dies auch
Mohammed und arius erreichten (nr. 610, 22). an luther selbst ist kein
Fünkchen anstand und ehrlichkeit zu finden; er hat die nachsicht der züricher
missbraucht (nr. 610, 10). Was Bildung und theologische urteilsfähigkeit
angeht, kann er zwingli, Oekolampad und anderen nicht einmal den nachttopf
reichen (nr. 610, 21). Jetzt versucht der Dunkelmann, den ihm nachgewiesenen
Irrtum durch ränke und Betrug zu verschleiern und die ganze
Kirche zu verspotten (nr. 610, 15). er ist ein skorpion, der auch bei bester
Pflege stechen wird, auch wenn er anfangs mit dem schwanz wedelt (nr. 626,
47). als „Kapitän“ der reformation ist er denkbar ungeeignet, da sein eigensinn,
sein hochmut, seine Willkür gegenüber der Wahrheit und seine rasende
Berserker-Wut das schiff gefährden (nr. 610, 17). nach den trefflichen Dar -
stellungen der reformierten lehre durch zwingli und Oekolampad und dem
persönlichen treffen in Marburg ist ein Missverständnis ausgeschlossen und
zu realisieren, dass die verurteilungen der sächsischen Bekenntnisschriften
sich auf die zwinglianer beziehen (nr. 610, 39). Dabei ist luthers lehre
schwächer als die der züricher (nr. 610, 5), und Bucers Interpretation
XXII eInleItung
luthers hat luther selbst gegen sich (nr. 626, 8). so trägt luther die schuld
am streit und nicht die züricher (nr. 610, 20). sie löschten seine Blitze stets
mit zurückhaltung und würden auch künftig nichts anderes tun als gegen
eine verdrehung der Wahrheit einzutreten (nr. 610, 24).
Bucer wertet Bullingers lutherbild als sünde, für die er sich einst schämen
wird (nr. 626, 23), und bittet ihn um revision (nr. 626, 19), zumal auch die
züricher schuld am abendmahlsstreit tragen. so unterstellen sie luther in
ihrem hass, er sei arrogant und knüpfe das heil an anderes als an christus,
obwohl sie seine inneren Beweggründe nicht kennen und es ablehnen, ihn
mit milderen Worten zu besänftigen (nr. 626, 20, 24).
3.2 Bucers Bild von Luther und den Lutheraner
Für Bucer ist luther das in der Welt, was zwingli für die schweiz war (nr.
626, 17). Der Wittenberger hat dem erdkreis die augen geöffnet (nr. 626,
20), indem er den glauben an christus als den einzigen retter wieder als
erster (nr. 626, 17), weiter (nr. 598, 1, 3; 626, 17) und erfolgreicher (nr. 626,
15) als alle anderen verbreitete.
luther irrt aber hinsichtlich der zwinglianer, weil man ihm zutrug, diese
bestritten die gegenwart christi im Mahl (nr. 591, XXXIv; 626, 10, 30, 39).
aus streitlust schrieb er daher gegen sie, über äußeres Wort und sakramente
anfangs zu grob (nr. 598, 1; 626, 7), reiner allerdings gegen die Päpstlichen
(nr. 598, 1) und seit seiner schrift Vom Abendmahl Christi (nr. 626, 7). hier lehrt
luther nichts anderes von der gegenwart christi im Mahl als das, was die
zwinglianer und Bucer verbindet (nr. 591, X), freilich ohne diese sachnähe
selbst zu erkennen (nr. 626, 2). Das belegt auch zwinglis unterzeichnung der
Marburger artikel (nr. 626, 8). Doch auch zwingli irrt, wenn er luther
unterstellt, er lehre die Identität der naturen von Brot und leib, vermenge
die naturen in christus oder bestreite die Wahrheit des menschlichen leibes
christi. Dabei hat zwingli allerdings anhalt an luthers Formulierungen,
denn luther übertreibt oft (nr. 626, 39). Weil luther die Position der zwing -
lianer noch nicht erkannt hat (nr. 598, 2) und ihm der geist des Fleisches zu
schaffen macht (nr. 626, 26), behandelt er sie unerträglich unmenschlich und
grausam (nr. 598, 1; 626, 15), aber in der Überzeugung, das Wort gottes zu
verteidigen und nicht aus hochmut oder Willkür (nr. 626, 17) oder in
bewusster täuschungsabsicht (nr. 626, 15, 18), denn nichts ist ihm fremder
als falsche schmeicheleien (nr. 626, 47).
so versieht luther sein amt des evangeliums mit ausnahme des streits
um die sakramente heilig und rein (nr. 591, vIII; 598, 1, 3; 626, 15), reiner
selbst als die väter (nr. 626, 51). luther ist ein Mann gottes (nr. 626, 17) und
von einem guten geist getrieben (nr. 626, 26). seine Denuntiationen zu erwidern,
würde nur Öl ins Feuer gießen (nr. 598, 1; 626, 25). Besser ist es, sie zu
ertragen (nr. 626, 7). eine falsche entscheidung des Kapitäns ist hinzuneheInleItung
XXIII
men, wenn sie das schiff nicht gefährdet; riskanter ist in dieser hinsicht ein
streit unter den Matrosen (nr. 598, 4; 626, 17). um das schiff der Kirche
nicht sinken zu lassen, ist den lutheranern der geist gottes nicht abzusprechen,
wie sie das als die schwächeren im glauben (nr. 626, 7) den schweizern
und Oberdeutschen gegenüber tun, sondern ihrem Wüten mit klarem
verstand zu begegnen (nr. 598, 4).
Bucer kennt luthers Kritik an den sächsischen Bekenntnisschriften und
unterscheidet beide Positionen (nr. 591, XXIX). auch die lutheraner sind
Kirche christi (nr. 626, 31), aber ihre abendmahlslehre ist schwach (nr. 591,
XXIv) und enthält Irrtümer (nr. 626, 7, 20). allerdings muss man ihnen eine
eigene ausdrucksweise zugestehen, zumal die ihre von der schrift überliefert
und von den vätern gebraucht worden ist (nr. 626, 36). Das licht der lehre
Bullingers ist aber heller, als ihre augen verkraften können (nr. 626, 19), und
sie sehen in schrift und vätern aussagen, die dort nicht zu finden sind (nr.
626, 19). Freilich glauben sie nicht, dass die leibliche gegenwart durch ein
Wunder konstituiert werde (nr. 591, vIII; vgl. nr. 626, 7). tischgemeinschaft
wäre mit den lutheranern möglich, wenn sie selbst sie nicht ablehnten (nr.
626, 10). Die lutheraner bringen ihre verleumdungen großsprecherisch
unter die leute (nr. 591, vIII); dass sie andere von ihrer irrtümlich für wahr
gehaltenen lehre überzeugen wollen, zeigt aber gerade ihre Wahrheitsliebe
(nr. 626, 7, 18). Bucer attestiert ihnen eifer um die wahre Frömmigkeit und
unschuld in der lebensführung (nr. 626, 19). so ist es besser, sie meinen,
man habe einer körperlichen gegenwart zugeständnisse gemacht, als dass
man ihnen als leugner christi gilt (nr. 591, vIII), ohne dessen Wort und
sakramente (nr. 591, vIII).
3.3 Bucers Selbstbild als Vermittler
seit dem Beginn der abendmahlskontroverse sucht Bucer unter dem großen
ziel, die ausbreitung des evangeliums voranzutreiben (nr. 626, 33), zu vermitteln.
er verstärkt seine Bemühungen seit der Publikation von luthers
schrift Vom Abendmahl Christi (nr. 598, 2; 626, 7) und wollte mit dem Dialogus
den Weg zu einer Konkordie ebnen (nr. 626, 7). In dieser absicht führt Bucer
mit den streitführern persönliche gespräche in Marburg (nr. 626, 39), augsburg,
coburg und zürich, deren bisherige erfolglosigkeit er offen einräumt
(nr. 598, 2). Weil die nicht christi sind, die nicht eins sind (nr. 598, 2), und
uneinige geistliche das Fortschreiten des evangeliums durch ihre dann
fruchtlosen Predigten (nr. 626, 20, 31) hemmen (nr. 626, 33), ist Bucer bereit,
alles zu ertragen. auch wenn er von den lutheranern schärfer als die züricher
attackiert wird (nr. 626, 44), zählen ihn die züricher doch zu unrecht
unter die gegner luthers (nr. 604, 1; 605, 1). Bucer glaubt fest daran, dass
die Protestanten im evangelium einig sind, und will dies allen gerechten
Menschen beweisen (nr. 598, 2). Dies will er erreichen, indem er jede lehre
XXIv eInleItung
mit für die lutheraner unanstößigen Worten und gedanken, vornehmlich
der schrift und der väter, bekennt und jede ihrer Äußerungen erträgt, sofern
sie sich wahrheitsfähig interpretieren lassen (nr. 598, 2–3; 626, 15, 32, 52).
Damit will er ihnen den zugang zu reineren Formulierungen (nr. 626, 31)
offen halten. Die Fehlinterpretation dieser haltung als heuchelei nimmt
Bucer um des höheren zieles willen in Kauf (nr. 626, 31).
Den zürichern rät Bucer sich genauso zu verhalten (nr. 626, 7). sie haben
luthers schriften falsch oder noch nicht ausreichend verstanden (nr. 626, 15,
39, 50f.) und fühlen sich zu unrecht von den verwerfungen der sächsischen
Bekenntnisschriften getroffen (nr. 610, 37; 626, 3). Bucer fordert also gar
nicht, dass sie luther nachgeben (nr. 626, 7, 28), sie sollen nur die chancen
auf eine Konkordie nicht leichtfertig verspielen (nr. 626, 2).
3.4 Hermeneutische Differenzen
– Wahrheit und lehre
Die auseinandersetzung Bucers mit Bullinger zeigt eine wahrheitstheoretische
Differenz. Bullinger geht von einer geistgewirkten, als lehre fassbaren
Wahrheit aus, die in ihrer Beständigkeit und schlichtheit auf der seite der
reformierten und nicht der lutheraner steht. als alternativ miteinander
konkurrierende Wahrheiten verstehen auch leo Jud (nr. 611, 4, 10) und
Bonifatius Wolfhart (nr. 584, h) die protestantischen abendmahlslehren.
Folg lich widersprechen die lutherischen Bekenntnisschriften der reinen
lehre (nr. 610, 36), und die innerprotestantische lehrdifferenz ist nicht mit
einer Konkordie (nr. 584, a–B; 610, 23), sondern nur durch angleichung
der schwächeren lutherischen lehre an die vollkommenere züricher lehre
zu lösen (nr. 610, 7), sonst wird die Wahrheit preisgegeben (nr. 610, 31). Bei
den Feinden der Wahrheit vermag liebenswürdigkeit nichts (nr. 610, 25),
die züricher können nicht wie Bucer auf zwei stühlen sitzen (nr. 610, 27,
29).
Für Bucer hingegen kann man zwar nicht den glauben, wohl aber die
Wahrheit quantifizieren. Deshalb können auch wahre Propheten irren, wie
luther oder Bullinger, wenn sie die schrift auslegen oder ihre gemeinden
leiten (nr. 626, 5–7, 18). Bucer unterscheidet dabei ausdrücklich zwischen
dem Irrtum an sich und dem Irrtum aus der sicht des Irrenden, dessen
gewissen sich in der Wahrheit glaubt (nr. 626, 18). an sich gilt: Wer der
Wahrheit an einem Punkt nicht zustimmt, der stimmt dem heiligen geist
nicht zu und leugnet damit gott. aus dem kleinsten Irrtum folgt daher konsequent
der sturz von himmel und erde. Da aber jeder einzelne irren kann,
ist auch jeder darauf angewiesen, dass seine – ihm gar nicht bewussten –
Irrtümer nicht angeklagt oder verurteilt werden (nr. 626, 18). Bullinger wie
luther sind glieder am leib christi und sitzen nicht auf christi stuhl (nr.
626, 27). Die Wahrheit ist daher mit den Waffen des geistes und nicht durch
eInleItung XXv
grimmige vorwürfe zu schützen (nr. 626, 24). Wer den anderen auf seine
Weise reden lässt, der gibt christus nicht preis (nr. 626, 31).
– Wahrheit und eindeutigkeit
Durchgängig diskutiert wird das verhältnis von schlichter und eindeutiger
rede (nr. 584, D; 611, 9), etwa der schrift und deren auslegungsfähigkeit
oder -bedürftigkeit (nr. 611, 10; 626, 15). Wolfhart (nr. 584, D–e) lehnt im
namen der Wahrheit jede fromme auslegung ab und sieht deshalb in der
rede von einer körperlichen und substantiellen gegenwart christi im Mahl
eine mutwillige veränderung der Worte des heiligen geistes (nr. 584, D). Für
Bucer hingegen zeigen missverständliche Formulierungen in der schrift (nr.
591, XvIII) und die tatsache, dass Jesus selbst seinen gleichnissen noch eine
auslegung zufügt (nr. 591, XvIII), die auslegungsbedürftigkeit der schrift.
seine abendmahlstheologische Position sieht Bucer gerade durch den Wortlaut
der schrift gerechtfertigt (nr. 591, XvI). unbeschadet dessen ist es aber
gerade ein zeichen der liebe, alles zum guten hin zu interpretieren (nr. 591,
Xv; 626, 19). Deshalb richtet Bucer seine rede vom abendmahl am jeweiligen
adressaten aus (nr. 591, nr. Xl–XlII): Den Feinden des evangeliums
oder den streitsüchtigen ist möglichst wenig gelegenheit zu geben, schaden
zu stiften; den Formulierungen der schlichten gutwilligen ist zuzustimmen,
solange sie nur irgendwie rechtgläubig interpretiert werden können. Für die
unterzeichnung der Confessio Augustana und ihrer Apologie bedeutet dies, dass
die Oberdeutschen die unterzeichneten Wendungen anders als die lutheraner
verstehen, sie aber nicht ablehnen, weil die lutheraner nichts verkehrtes
darunter verbergen wollten (nr. 598, 3).
4. Die theologische Sachdiskussion um Sakramentenlehre und Taufe
4.1 Sakramente allgemein
Für Wolfhart ist die rechtfertigung sache des geistes im glauben, während
die lutheraner sie Wort und sakramenten zuweisen (nr. 584, X). Bullinger
hält die Behauptung, der heilige geist werde durch die sakramente wie
durch Werkzeuge geschenkt, für kindisch (nr. 610, 37).
nach Bucers urteil versteht luther die sakramente nur als eine ermunterung
und eine erhebung des herzens zum glauben, die der glaube
bewirkt, wann gott es will (nr. 598, 1). er selbst sieht die Wirkung des sakraments
in den Worten, welche durch die feierlichen symbole nur verstärkt
werden (nr. 598, 5). Das Moment des realen und leiblichen besteht darin,
dass alles eine sichere und feste Wirksamkeit hat (nr. 598, 5).
4.2 Taufe
Bucer erkennt an (nr. 591, III), dass die zwinglianer schwierigkeiten haben
mit der in ca 9 aufgestellten Behauptung, die taufe sei heilsnotwendig (nr.
XXvI eInleItung
610, 37). Freilich ist hier die geist- und nicht, wie Bullinger argwöhnt, die
Wassertaufe gemeint (nr. 626, 37). Dahinter sieht Bucer unter Berufung auf
apolca 13 das anliegen, dass niemand die taufe ohne gefahr für sein heil
missachten dürfe. er verweist darauf, dass auch die lutheraner gottes Kraft
nicht an die sakramente ketten oder eine Wirkung des sakraments von sich
aus, jenseits des glaubens lehren. Die taufe wird durch Worte und das
symbol Wasser gereicht (nr. 626, 37). eine Differenz zu Wolfhart konstatiert
Bucer in der Frage der Kindertaufe, die Wolfhart abschaffen möchte, Bucer
aber für ein gebotenes sakrament christi hält (nr. 591, XvIII), welches die
reinwaschung von den sünden anbietet (nr. 598, 5).
5. Die theologische Sachdiskussion um die Gegenwart Christi im Abendmahl
aus Bucers sicht lehren beide Konfliktparteien dasselbe. zur ablehnung der
jeweils anderen Position (nr. 626, 7) führt aber luthers Missverständnis, die
züricher bestritten die gegenwart christi im Mahl, und zwinglis Irrtum,
luther lehre, dass christus nicht durch den glauben im herzen wohnt,
sondern durch das leibliche essen des Mundes (nr. 626, 39). Jenseits der strittigen
Frage nach der leiblichen gegenwart christi im Mahl hält man in
Marburg aber einen grundkonsens fest (nr. 626, 36), den es – auch wenn er
erst in der sache und noch nicht in den herzen besteht (nr. 626, 43) – nun
zu bekennen gilt (nr. 626, 18–19).
5.1 Die Einsetzungsworte als Tropus
aus Bucers sicht beharrten die lutheraner zu Beginn der abendmahlskontroverse
auf einem wesenhaften verständnis des est und lehnten eine Interpretation
als tropus ab. Daraus folgt an sich, dass christus Brot wird (nr.
598, 5). Oekolampad lehnte aber nur diese Konsequenz ab und lehrte durch -
aus eine über die seele an den leib vermittelte realpräsenz christi im Mahl
der Jünger. Folglich müsste niemand anstoß nehmen, wenn die vorstellung
einer verbrotung christi ausgeschlossen würde (ebd.). Bucer selbst versteht
die verba als tropus (nr. 608, 3). Dies tut auch leo Jud, der ebenfalls von
einem empfang von Fleisch und Blut christi im Mahl reden kann, freilich im
glauben und so wie christus Weinstock, tür oder licht ist (nr. 611, 9).
5.2 Praesentia corporalis und substantialis
Bucer behauptet, die in den sächsischen Bekenntnisschriften niedergelegte
abendmahlslehre stimme mit der Position überein, die er in der Confessio
Tetrapolitana, deren apologie, seiner von Oekolampad unterzeichneten Konkordienschrift,
der apologie an Brenz, seinen evangelienkommentaren und
seinem Dialogus vertrat, nämlich dass christi wahrer leib und wahres Blut im
Mahl wahrhaft gegenwärtig seien und im glauben, aber nicht mit dem
Mund genossen würden (nr. 591, III; 626, 9). Die lutheraner vertreten aus
eInleItung XXvII
Bucers sicht keine wunderhafte gegenwart christi, welche über die Präsenz
hinausgeht, mit der er in unseren herzen unser heil wirkt (nr. 626, 18). auch
wenn luther in Marburg den eindruck erweckte, er meine eine örtlich-sinnliche
gegenwart christi im Mahl (nr. 626, 39), distanzierte er sich doch von
der vorstellung, christus sei grob körperlich (nr. 626, 28) gegenwärtig, und
ebenso von der aussage, die naturen von Brot und leib christi seien identisch
(nr. 626, 39). Bucer erkennt aber an, dass die rede der sächsischen apologie
von einer praesentia corporalis und einer praesentia substantialis anstößig und
unklar (nr. 626, 19, 31) ist. zwinglis Formulierung, der leib werde nur bildlich
gegeben und jede rede von der gegenwart christi in diesem leben
beziehe sich auf dessen gottheit, weicht hier von Bucers und Oekolampads
grundsätzlicher Position sowie schrift und tradition der Kirche ab, nach
denen wir im Mahl gemeinschaft mit dem Fleisch christi erlangen (nr. 626,
39).
Für Bullinger klügelt luther mit seiner rede von der körperlichen gegenwart
christi im Mahl einen anderen als den heilsamen glauben aus. gibt
luther aber zu, dass allein der glaube an christi erlösung am Kreuz und
nicht der an seine körperliche gegenwart im Mahl uns zum heil gereicht,
dann streitet Bullinger für nichts und verspottet die Kirche (nr. 610, 4). Bucer
verweist ihn auf die unterscheidung zwischen notwendig zu glaubendem
glaubens inhalt und zum heil führenden glauben (nr. 626, 18), das rechte
verständnis des sitzens christi zur rechten des vaters und die patristische
rede von der leiblichen gegenwart christi im Mahl (nr. 626, 28). auch
Bonifatius Wolfharts auffassung, die unterzeichner seien nun gezwungen zu
glauben, sie äßen den leib christi körperlich und dem Wesen nach, korrigiert
Bucer unter verweis auf den Wortlaut der sächsischen Bekenntnisschriften
(nr. 591, XIv, XXv). leo Jud hingegen gesteht zu, dass im Mahl
Fleisch und Blut christi empfangen würden, freilich im glauben (nr. 611, 9).
– Der rechte sinn nach Kyrill und den vätern
Bucer will erst aus seiner väterlektüre, die ihm Oekolampad vermittelte, eine
belastbare argumentation in der abendmahlskontroverse (nr. 591, XXX)
gewonnen haben. nach ihr verlieren die lutherischen vorstellungen einer
praesentia corporalis und einer praesentia substantialis deshalb ihre anstößigkeit für
die reformierten, weil sie bei dem auch von Oekolampad zitierten Kyrill von
alexandrien und anderen vätern (nr. 591, Xv, XvII, XXXIv, XXXIv;
598, 3, 5; 626, 28) durch Worte und symbole konstituiert gedacht werden
(nr. 591, Iv, XIv). Bucer gesteht allerdings zu, dass nur wenige aus dem volk
dies so verstehen (nr. 591, v). Wenn christus so in uns wohnt und lebt (nr.
591, XIv, XIX), dass wir Fleisch von seinem Fleisch sind, wie die väter mit
Paulus, gen 2, 23 und eph 5, 23 sagen (nr. 591, Iv, XXXIv–XXXv; 598,
5; 608, 3; 626, 28, 39), dann ist die substantielle und körperliche gegenwart
XXvIII eInleItung
christi nicht zu bestreiten, zumal die einsetzungsworte ein est bieten (nr. 591,
XIv–Xv), nach I Kor 10, 16 eine Identität von Brot und leib behauptet
wird (nr. 591, Xv) und christus in Joh 6, 54 in der ersten Person redet,
welche substanz impliziert (nr. 591, Xv). christi Fleisch und Blut nimmt die
stelle des unseren ein. Deshalb ist die gemeinschaft der glieder mit christus
auch keine bloße Festversammlung, sondern wahre, reale und seligmachende
verbindung mit christus (nr. 608, 3), so wie dies auch Oekolampad im
unterschied zu zwingli vertrat (nr. 591, Iv). In diesem sinne kann Bucer
sagen, dass der leib zusammen mit den sichtbaren Dingen gereicht werde
(nr. 591, XIX) und unsere leiber unsterblich mache (nr. 591, XIX). nach
Jud hingegen redeten die väter entsprechend dem Bildungshorizont ihrer
zeit in übertragener Weise. Dies erfordere angesichts heutiger unbildung
eine schlichte und präzise redeweise (nr. 611, 9).
– Das anliegen der lutheraner
hinter dem Beharren der lutheraner auf einer leiblichen und substantiellen
gegenwart christi im Mahl steht nach Bucers Wahrnehmung das anliegen,
den einsetzungsworten und mit ihnen der autorität der schrift gerecht zu
werden (nr. 626, 14, 17). Diese sehen die lutheraner durch die rede von
einer gegenwart christi im geist (spiritualiter) nicht hinlänglich zum ausdruck
gebracht (nr. 591, vIII), weil der herr eben nicht nur Brot, sondern
auch seinen leib gewährt (nr. 626, 28). In der rede von einer wahrhaftigen
gegenwart des leibes christi im Mahl, der mit den sichtbaren Dingen
gleich zeitig (nr. 598, 5) gegenwärtig sei (nr. 591, XXXIv), können sich nach
Bucer hingegen beide seiten wiederfinden. luther entspricht nämlich dem
anliegen der zwinglianer, die art und Weise der gegenwart christi im Mahl
so offenzuhalten (nr. 626, 39), dass die Wahrheit des menschlichen leibes
christi und die unabhängigkeit des heils von äußeren elementen gewahrt
bleiben (nr. 626, 39), und spricht von einer unio sacramentalis (nr. 591, vIII;
626, 39). Dabei lässt luther die Frage nach dem Wie nicht zu (nr. 626, 9, 17).
Die annahme, gottes verheißung konstituiere eine leibliche, aber nicht heilsrelevante
gegenwart jenseits unserer sinne, ist nach Bucers urteil kein
großer Irrtum (nr. 598, 1). Jud schlägt vor, die adjektive körperlich, real und
örtlich nur in einer für alle verbindlichen, eindeutigen Definition zu verwenden
(nr. 611, 9).
– Die Begründbarkeit aus der schrift
In anklang an die auch von Bucer unterzeichnete vierte these der Berner
Disputation bestreiten Wolfhart (nr. 584, B–c, n), Jud (nr. 611, 9) und Bullinger
(nr. 610, 4, 12–13), dass sich die Behauptung, christus sei körperlich
und substantiell im Mahl gegenwärtig, auf die schrift stützen könne. Bucer
verweist demgegenüber auf seine Interpretation dieser vorstellung (nr. 591,
eInleItung XXIX
XIv, siehe oben) und das est der einsetzungsworte, das wie alles in der schrift
zu glauben sei, auch wenn dies allein noch nicht zum heile führt (nr. 626,
13).
– christi sitzen zur rechten des vaters
Bullinger folgert aus der lokalisierung des Körpers christi zur rechten des
vaters die unmöglichkeit seiner simultanpräsenz im Mahl (nr. 610, 28, 39).
Bucer interpretiert das sitzen zur rechten als Metapher für die Macht
christi und unterscheidet die Weisen der leiblichkeit christi im himmel und
im Mahl: christus ist örtlich im himmel und nicht örtlich, aber wahrhaft im
Mahl, freilich zum zwecke seiner körperlichen einwohnung, da die gottheit
in christus leiblich wohnt. Dies vertrat auch Philipp Melanchthon in augs -
burg (nr. 626, 28), und auch luther bestreitet christi sitzen zur rechten des
vaters nicht (nr. 626, 18). schließlich versprach christus bei seiner himmelfahrt
ja auch sein Bleiben bis zum ende der Welt (nr. 591, XvI).
– Momente der einheit
Bucer sucht die vereinbarkeit der protestantischen sakraments- und abendmahlslehren
mehrfach e negativo, durch gemeinsame abgrenzung von einer
dritten Position aufzuweisen. Diese grenze ermöglicht variable Formulierungen,
indem sie deren Fehlverständnis ausschließt (nr. 591, XlII). so wirken
für lutheraner wie zwinglianer die sakramente nicht durch bloßen vollzug
(ex opere operato, nr. 591, XI, XIX, XXXIX, XlII; 598, 1; 262, 17), beide
machen den leib christi nicht zu einer speise für den Bauch (nr. 591, vIII,
XIX, XXXIX, XlII; 598, 5; 626, 39), verwandeln ihn nicht in Brot (nr. 591,
vIII) oder schließen ihn im Brot ein (nr. 591, vIII, XlII). lutheraner wie
zwinglianer bestreiten gemeinsam die physische Identität des leibes christi
mit dem Brot (nr. 591, XIX, XXXIX; 598, 5; 626, 39) und setzen christi
natur nicht ineins mit der des Brotes (nr. 591, XlII).
Positiv bestimmt Bucer dann als gemeinsame dogmatische grundlage der
streitenden Parteien die lehre von der rechtfertigung aus glauben und nicht
aus Werken, die ihm als Kernstück des evangeliums gilt (nr. 598, 1; 626, 7,
12, 14, 17f.), das Bekenntnis zu christus als dem einzigen retter (nr. 598, 4;
626, 29), die auffassung, christus sei wahrer Mensch und wahrer gott (nr.
626, 12, 18), die unterscheidung anstatt einer vermischung der naturen (nr.
626, 7, 39), die Wahrheit des menschlichen leibes christi (nr. 626, 39) und
das sitzen christi zur rechten gottes (nr. 626, 18).
5.3 Manducatio oralis
Bucer sieht eine gemeinsamkeit darin, dass für lutheraner wie zwinglianer
im eigentlichen sinne nur das Brot mit dem Mund verzehrt werde (nr. 608,
3), der leib aber nur wegen der unio sacramentalis. Die auffassungen Johannes
XXX eInleItung
Froschs und stephan agricolas, dass der leib christi seiner substanz nach
und körperlich mit dem Mund und nicht im glauben genossen werde, weist
er zurück (nr. 591, XXv) und spricht von einem essen des leibes christi nur
im glauben (nr. 591, XXXvI; 608, 3). Dabei identifiziert er glauben und
essen aber nicht, vielmehr ist das essen als Inkorporation die Frucht des
glaubens (nr. 591, XXXvI). schließlich habe luther in seiner schrift Vom
Abendmahl Christi eine bildliche erklärung des mündlichen empfangs als
synekdoche aufgenommen und kein wörtliches verständnis verlangt (nr.
591, XXvIII).
5.4 Manducatio spiritualis
nach Bucers ansicht hatte luther vor dem abendmahlsstreit alles vertrauen
auf ein äußerliches Werk beseitigt und alles gewicht auf den geistlichen
verzehr gelegt. Da er Karlstadts Impuls aber als abschaffung der sakramente
und des äußerlichen Wortes verstand, reagierte er so heftig, dass Oekolampad
und zwingli dahinter fälschlich eine Position vermuteten, die Äußerlichem
rechtfertigende Kraft zuschreibt (nr. 591, IX; 626, 17). In der sache
besteht aber einvernehmen mit dem sächsischen Bekenntnis, wenn die geistliche
gegenwart als Inkorporation in christus und christi in uns und als
wahrhaftige vereinigung mit seinem Fleisch und Blut verstanden wird (nr.
591, XXXv; 598, 5). Dabei werden dem evangelium heilige symbole als
sichtbare Worte zugefügt und christus gleichsam sichtbar dargereicht,
wodurch eine wirkliche teilhabe an seinem Fleisch und Blut gewährt wird
(nr. 591, XXXvI).
5.5 Manducatio impiorum
In den verhandlungen im Kraichgau beharren die lutheraner auf einem
zusatz, der die manducatio impiorum enthält (nr. 592). Bucer hingegen hält
diese vorstellung für irrelevant und ihre kontroverstheologische Problematik
für lösbar (nr. 626, 39), zumal sie die sächsischen Bekenntnisschriften gar
nicht zu glauben fordern (nr. 591, XXvI, XXXv). unterzeichnet hätte er
sie in schweinfurt nicht (nr. 591, Xl). seiner Meinung nach ist das Mahl
nicht das Mahl des herrn, wenn es nicht von dessen Jüngern würdig gefeiert
wird (nr. 591, XXXIv). Bei den vätern zielte die zulassung auch der Bösen
zum Mahl darauf, die anklage wegen ihres mangelnden glaubenseifers zu
verschärfen. augustinus bestreitet, dass der den leib christi esse, der nicht im
herrn bleibt (nr. 591, XXXvII), und auch andere väter machen die aufnahme
des leibes christi davon abhängig, ob die Frucht der Inkorporation
aufgenommen wird (ebd.).